Umwälzungen
In den nächsten zehn Jahren werden wir tiefgreifende Umwälzungen in
der Autoindustrie erleben. Neue Materialien und Antriebstechnologien werden im
Transportsystem der Zukunft Einzug halten, wie Elektroantriebe,
Leichtbau-Kompositwerkstoffe, verbesserte Aerodynamik und Zubehör. Beim fertigen Produkt
wird man von aussen natürlich kaum Änderungen feststellen, da ein Hypercar nicht von
einem normalen Auto unterscheidbar sein soll, ausser durch verbesserte Leistung, grössere
Sicherheit usw. Die Veränderungen des Produkts spüren in Wirklichkeit vielmehr die
Händler und der Hersteller. Im wesentlichen wird man einen Hypercar ähnlich wie heute
einen Computer herstellen.
Wenn man heute auf der Website des Computerherstellers Dell einen PC
bestellt, beginnen sie erst dann zu bauen. Man nennt das ein "Pull-System", wo
die Produktion der Nachfrage folgt. Hypercars lassen sich auch auf diese Weise herstellen.
Man geht zu einem Händler - es kann irgendein Laden sein - und bestellt den gewünschten
Hypercar. Die Bestellung wandert in die Fabrik, wo der Wagen nach den Vorgaben montiert
und in drei Tagen vor die Haustür geliefert wird.
Die Technologie des Hypercars wird eine Grössenordnung weniger Teile
haben. Deshalb kann die Bestellung rasch ausgeführt werden, von der Fabrik zum Kunden in
72 Stunden. Heute liegt die "just-in-time"-Produktion im Trend, die durch
Hypercar-Technologien weiter erleichtert wird. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist der
Smart, entwickelt durch Swatch und Mercedes-Benz. Für rund 700 Dollar kann man beim
Händler die Karosserie-Elemente gegen neue austauschen, die ganz anders aussehen. Alles
ist rezyklierbar. Die Aufrüstbarkeit von Hypercars wird dazu führen, dass man seinen
Wagen während zehn bis fünfzehn Jahren fährt und dennoch dem Zeitgeist folgt, indem man
die Komponenten jederzeit nachrüsten kann.
Der verminderte Verbrauch von 2.0 bis 2.5 Liter Benzin pro 100 Kilometer
ist nicht die wichtigste treibende Kraft hinter dem Hypercar-Konzept. Er ist nur ein
Zusatznutzen. Zur Hauptsache zahlt sich die verbesserte Gesamtleistung des Systems aus. Es
ist wie mit der alten Schallplatte und der Compact Disc. So rentiert zum Beispiel der
Einsatz von Kunststoffen im Fahrzeug, da er nicht rostet und weniger Beulen macht.
Wahrscheinlich liegt der wichtigste Vorteil darin, dass Hypercars
elektrische Antriebe haben. Schon seit 1991 spricht man davon, dass die Autos immer mehr
zu Computern auf Rädern werden. Deshalb wird das elektronische System eines Hypercars
optimal mit seinem hybrid-elektrischen Antrieb zusammenspielen. Der Fahrer wird das
Fahrzeug auf eine bisher nie gekannte Art im Griff haben, indem er einstellen kann, wie
der Wagen fährt, wie er sich bedienen lässt, die Art der Federung oder die Darstellung
der Anzeige-Instrumente.
Die Sicherheit von Leichtbau-Fahrzeugen
Eines der angestrebten Ziele beim Bau des Hypercars ist die Reduktion
des Fahrzeuggewichts. Dies ermöglicht zusätzliche Einsparungen bei der Auslegung der
Komponenten und die Reduktion des Energieverbrauchs. Allerdings widerspricht dies der
weitverbreiteten Auffassung, dass grösser und schwerer auch besser und sicher bedeutet.
Die Unfallstatistiken scheinen es zu belegen. Die Todesfallquote in einem Geo Metro
(Kleinwagen) ist vierzigmal höher als bei einer Kollision mit einem grösseren Wagen,
z.B. einem Ford Expedition.
Hypercars werden sicherer sein, indem man sie auf die gleiche Weise
leichter macht, wie die Rennautos beim 24-Stunden-Rennen von Indianapolis. Wenn einer in
eine Wand kracht, spickt er wieder weg. Die modernen Verbundwerkstoffe können pro
Kilogramm fünfmal mehr Energie als Stahl absorbieren und dreimal mehr als Aluminium. Das
Crash-Verhalten moderner Verbundwerkstoffe kann je nach Bedürfnissen massgeschneidert
werden, so dass sie Energie viel effizienter aufnehmen und abgeben als herkömmliche
Stahlstrukturen, die vielfach schwerer sind.
Kinderleichte Auto-Herstellung
Chrysler ist das Beispiel einer Firma, die mit ihrem Composite Concept
Vehicle (CCV) die Verbundwerkstoff-Technologien verfolgt. Sie werden überall eingesetzt,
um das Gewicht zu reduzieren und die Komplexität des Fahrzeuges zu vermindern.
Ursprünglich war das Fahrzeug zur Herstellung und Vermarktung in Entwicklungsländern
gedacht und besitzt einen Hauptrahmen aus Stahl. Es werden zwar weniger raffinierte
Verbundwerkstoffe eingesetzt wie beim Hypercar, aber die Idee ist im Prinzip die gleiche.
Gemäss Chrysler kann das Haupt-Chassis aus gerade vier Teilen zusammengebaut werden, die
insgesamt nur rund 100 Kilogramm wiegen. Ein ganzes Fahrzeug wird auf einem Zehntel der
Produktionsfläche eines Chrysler Neon montiert und benötigt nur ein Drittel der
Montagezeit.
Bei Chrysler wurden diese Technologien stark gefördert. Kürzlich
vorgestellte Prototypen sind zwar davon wieder abgerückt und orientieren sich mehr an
amerikanischen und europäischen Autokonzepten. Im Pronto Spider und beim ESX II werden
Polyethylen-Kunststoffe eingesetzt, die von der PET-Flasche bekannt sind und vollständig
rezykliert werden können. Dieser Ansatz ist vergleichbar mit einem Plastikspielzeug, das
aus wenigen Stücken zusammengesteckt und durch extrastarke Klebstoffe zusammengehalten
wird.
Die Leute bei Chrysler gehen davon aus, dass sie zukünftig trotz
kleineren Modellstückzahlen damit profitabel produzieren können. Der Pronto Spider ist
das Pendant zum Porsche Boxter, der allerdings eine bessere Gesamtleistung zum halben
Preis bietet. Es gibt starke Vorbehalte zur Markteinführung, weil man nicht sicher ist,
ob die Kunden ein Finish akzeptieren, das nicht wie glänzender Lack aussieht. Wir sind
uns die Metalloberflächen gewohnt. Was werden die Konsumenten von einem Wagen halten,
dessen Karosserie wie ein Plastikkübel aussieht? Sony zeigte bei seinen elektronischen
Geräten, dass man von einem chromglänzenden zu einer matten Oberfläche wechseln und
trotzdem erfolgreich sein kann.
Die Kosten von Verbundwerkstoffen
Verbundwerkstoffe haben neben all den Vorteilen einen grossen Nachteil.
Verglichen mit Stahl sind sie pro Kilogramm sehr teuer. Dies hat ihren Einsatz in der
Autoherstellung eingeschränkt, wo der Preis eine wichtige Rolle spielt. Allerdings ist zu
beachten, dass nur Schrotthändler die Autos nach Gewicht verkaufen. Wenn man nämlich die
Einsparungen bei der Anzahl der Teile, der Montagekosten und der Produktionswerkzeuge
einrechnet, werden die Kosten wieder konkurrenzfähig.
Chrysler versucht mit Investitionen von 300-500 Millionen Dollar neue
Verfahren zu finden, die Farbe auf die Kunststoffkarosserie zu bringen, um das Lackieren
mit all seinen Umweltkosten überflüssig zu machen. Neunzig Prozent der Lösungsmittel in
der Autoindustrie stammen von den Lacken. Weitere Einsparungen kommen aus der
Gewichtsreduktion, besserem Recycling und den dadurch verringerten Deponiekosten für
Abfälle.
Dank der Gewichtreduktion kann man kleinere Motoren einsetzen. Während
ein 6-Zylinder-Motor im Vergleich zu einem 4-Zylinder-Motor nur unwesentlich teurer ist,
sinken die Kosten für einen hybrid-elektrischen Antrieb, der durch eine Brennstoffzelle
versorgt wird, linear mit der benötigten Leistung. Je leichter der Wagen, desto kleiner
die Brennstoffzelle und desto günstiger sind die Gesamtkosten des Fahrzeugs. Wenn man den
Leistungsbedarf halbiert, indem man das Fahrzeuggewicht halbiert, werden auch die Kosten
für die Antriebseinheit halbiert. Die Vorteile der Verbundwerkstoffe weiten sich dadurch
auf andere Komponenten des Autos aus, so dass sich die anfänglich höheren Materialkosten
für die Struktur in einen Kostenvorteil verwandeln. Wenn man die übrigen Nutzen
hinzuzählt, wie Korrosionsbeständigkeit, Kollisionselastizität und verbesserte
Sicherheit, so haben diese Materialien wesentliche Vorteile gegenüber den konventionellen
Werkstoffen.
Recycling von Hypercars
Das Auto ist das am meisten wiederverwertete Produkt der Welt. Etwa 75%
eines Autos ist rezyklierbar und etwa 90% aller Autos werden wiederverwertet. Das tönt
für die meisten Leute überraschend.
Verbundwerkstoffe könnte man auch wiederverwerten wie den
traditionellen Stahl, allerdings mit höheren Aufwand. Da man beim Wechsel von Metall auf
Kunststoff ohnehin viel ändern muss, sind teure Rohmaterialien ein zusätzlicher Anreiz,
sie wieder zurückzugewinnen. Wenn man nicht zuviel verschiedene Verbundwerkstoffe
einsetzt, kann man einen grösseren Anteil des Fahrzeuges rezyklieren als heute. Im
schlimmsten Fall, wenn die Fahrzeuge einfach weggeworfen werden, nachdem man die
wertvollen Teile wie den Motor und elektrische Komponenten herausgenommen hat, kann man
den Rest zermahlen und in Deponien entsorgen. Die anfallende Menge ist immer noch kleiner,
als was heute von den herkömmlichen Wagen an Deponiemüll übrigbleibt.
Die Frage des Recyclings ist in der Tat eine Herausforderung, aber wegen
der möglichen Rentabilität der Verwertung der neuen Materialien zugleich eine
interessante Chance.
Der Antrieb der Hersteller
Im Verlauf der neunziger Jahre achteten die Autokäufer in den USA immer
weniger auf den Treibstoffverbrauch. Dieser ist deshalb nicht mehr die treibende Kraft bei
der Entwicklung des Hypercars.
An oberster Stelle steht der Wunsch nach einem besseren Gesamtprodukt.
Wenn man den Markt der Computerbildschirme betrachtet, ziehen viele Leute die flachen
Modelle den voluminösen Röhrenmonitoren vor. Die LCD-Bildschirme verbrauchen nur einen
Zehntel der Energie. Die Energieeinsparung spielt aber nur bei vielleicht einem Prozent
der Käufer eine Rolle. Sie kaufen die bessere Auflösung, das schönere Gehäuse und so
weiter. Wir brauchen bessere Produkte, die als Nebeneffekt eine höheren Umweltnutzen
bringen. Alle wollen die Umwelt schützen, auch die Autohersteller. Zum Beispiel
bezeichnet sich William Ford jr. als ein Umweltschützer. Es gibt eine Menge
fortschrittlicher Leute in der Industrie. Aber um eine nachhaltige Verbesserung der
Umweltsituation zu erreichen, muss man bessere Produkte herstellen und nicht einfach nur
die Leute zum Umweltschutz bekehren.
Die vielfältigen Kontakte des Hypercar Center mit den Autoherstellern
zeigen, dass sie saubere, umweltschonende Hypercar-Technologien entwickeln wollen.
Beispiele solcher Projekte sind der EV1 von General Motors, der Toyota Prius und der neue
VW Lupo, der im optimalen Fall noch rund drei Liter auf 100 Kilometer verbraucht.
Allerdings bestehen noch Unsicherheiten bei verschiedenen Hypercar-Technologien wie
Brennstoffzellen und Verbundwerkstoffen bezüglich des Aufwandes für eine
Massenfertigung.
Der Zeitpunkt für den ersten Hypercar hängt vom Tempo des
Strukturwandels in der Wirtschaft ab. Die herkömmliche Industrie arbeitet sehr
kapitalintensiv. Die Werkzeug- und Entwicklungskosten für einen neuen Wagen können
mehrere Milliarden Dollars erreichen. Wenn man derartige Beträge in ein Automodell
investiert, will man sie über mehrere Jahre amortisieren. Deshalb kann die Autoindustrie
nicht sofort auf die Produktion von Hypercars umstellen. Sie braucht eine lange Zeit, um
die Werkzeuge und Investitionen in die alten Produkte abzuschreiben und dann allmählich
die neuen Produkte einzuführen.
Glücklicherweise ist der Aufwand für Werkzeuge, der Kapitalbedarf und
die Entwicklungszeit bei Hypercars wesentlich kürzer als bei konventioneller Technologie.
Dieser Umstand wird die Umstellung auf Hypercars beschleunigen. Ein weiterer positiver
Antrieb ist der industrielle Wettbewerb. Nichts bringt mehr Erfolg, als gute Ideen zu
kopieren. Sobald ein Autohersteller ein erfolgreiches Produkt lanciert, steigen zehn
andere Hersteller ebenfalls ein. Das sieht man beim Mini-Van und bei den kleinen
Stadtautos. Als Toyota den Prius herausbrachte, haben sofort andere auch
hybrid-elektrische Fahrzeuge angekündigt.
Die Kombination des vorhandenen Wettbewerbs mit der allmählichen
Verlagerung der Produktion zu weniger kapitalintensiven Hypercar-Technologien wird die
Einführung von effizienten Fahrzeugen beschleunigen, die in den nächsten fünf Jahren
auf den Markt kommen.
Die Autohersteller von morgen
Die Rolle der grossen Autohersteller und der Fahrzeugmarkt der Zukunft
werden völlig anders sein als heute. Neue Firmen werden mitspielen. Die erfolgreichen
werden nicht unbedingt die kleinen Autoproduzenten von heute sein, auch wenn sie eine
Menge interessanter Technologien besitzen. Viele dieser Firmen sind technologieorientiert,
haben eine interessante Fahrzeugtechnologie erfunden und wollen sie vermarkten. Die neue
Generation von Autoherstellern wird eine Markt- und Kunden-Orientierung haben. Die Firma
Swatch ist ein Beispiel. Sie kennt ihre Kunden. Und wenn man wirklich versteht, was die
Kunden wollen, hat man den Schlüssel für den Wagen des nächsten Jahrhunderts.
Vielleicht kennt General Motors die Kunden am besten. Sie geben Hunderte
Millionen von Dollars aus, um alles mögliche herauszufinden, und können sogar noch mehr
investieren. Die grossen Unterhaltungselektronik-Konzerne kennen ebenfalls die
Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kunden und könnten eines Tages als Autofirmen auftreten.
Sogar Firmen wie Disney könnten plötzlich mit einer talentierten Autodesign und
Fahrzeugengineering-Firma kooperieren, zusammen mit Betrieben, welche Grundkomponenten
für Hypercars herstellen. Das gäbe eine "virtuelle Fabrik", die sehr rasch auf
Kundenbedürfnisse eingehen kann. Swatch ist eine solche Firma, Samsung steht kurz davor,
einer der grössten koreanischen Autohersteller zu werden. Marktorientierte Firmen sind
die Autohersteller von morgen.
Weder Solectria noch Corbin-Pacific kommen auf einen grünen Zweig, da
sie eine zu starke Technologie-Orientierung haben und nicht über genügend Mittel
verfügen, um Kundendaten zu erheben. Falls sie aber mit einem Partner zusammenspannen,
wie Sony oder Hewlett-Packard, sieht die Sache wieder anders aus.
Die hybrid-elektrischen Technologien sind im kleinen Stadtwagen bis zu
grossen Lastwagen und Bussen einsetzbar, nicht zu vergessen in den modernen
diesel-elektrischen Lokomotiven. Ein grosses Marktpotential liegt in sportlichen
Fahrzeugen und kleinen Transportern. Hypercar-Technologien bieten auch hier ihre Vorzüge,
gleich wie beim klassischen Personenwagen.
Rocky Mountain Institute RMI: www.rmi.org
Hypercar Center des Rocky Mountain Institute (Hypercar Inc.): www.hypercar.com
Projekt des Ultraleichtfahrzeugs CKE UltraLite: www.cke-tech.com/ULCar.htm