Feuer
und Sonne
Bei Gerry Lanz, dem jungen Kunstschmied um die Ecke, wird der erste
Preis aus Bronze und Feuer gehämmert. "Unter fünfhundert Grad darf's nicht fallen,
sonst zerbricht es, wenn ich draufhämmere. Und wenn's zu heiss wird, so über 800 Grad,
dann zerspringt es beim ersten Schlag in Stücke." Genau beobachtet er die
Farbe des Werkstückes; ein dunkles Rot muss es sein, wenn es aus der Esse auf den Amboss
kommt. Auf einem Stück durchlöcherten, vulkanischen Gestein aus der Gegend wird eine
weibliche Figur mit einer Flammenaura wie Sonnenstrahlen aufgesetzt. "Hätte ich
Silber genommen, wäre das Material schon auf 3000 Mark gekommen." Um das
Bronzestück fertig zu schmieden, braucht er noch einige Stunden. Am Schluss wird es
poliert und gebeizt. "Die Sonne und das Weibliche symbolisieren das Leben und die
Entstehung des Neuen, ein Sinnbild für Energie und Natur."

Kunstschmied Gerry Lanz behämmert den ersten Preis
Ich schwinge mich auf Horsts Liegerad und los geht's in den Morgen
hinein. Nicht weit von da gehen wir ein Haus besichtigen, wo im Rahmen eines Umbaus eine
Solaranlage auf dem Dach eingebaut wurde, gut eingepasst an die Dachfenster.
Unterwegs brennt die Sonne. Zwar hatte ich meine offene Haut mit
Schutzfaktor Zwanzig eingeschmiert, aber ich fühlte mich nicht ganz wohl, liegend auf dem
Rad gebraten zu werden. Wir fahren die Strasse ein paar Kilometer das Tal hinunter entlang
dem Bach, nach Langendorf und Wohra. Hier fliesst das Wasser aus Rosenthal weg und es ist
gleichzeitig die einzige Lücke im Wald, die nach "draussen" führt.
Zwei Kilometer weiter liegt Halsdorf, wo wir uns besammeln. Die Fahrt
mit den Liegerädern braucht etwas mehr Zeit, so dass die einen Fahrer eine Abkürzung
nehmen werden. Ich wechsle deshalb ins TWIKE von Marilin, die mich nun herumfährt. Sie
hat zwar noch kaum Erfahrung damit, macht es aber sehr gut.
Im Dorf besuchen wir ein neues Solarhaus, das auf einer grossen,
drehbaren Scheibe aufgebaut ist. "Ich habe noch nie ein Haus gesehen, das man in die
Sonne drehen kann", meint jemand. Die Stube ist hinter einem verglasten
Wintergarten aufgebaut. "Wo gehen hier die Leitungen durch?" frage ich
und mache einen Sprung über den Wassergraben, um unter die Platte zu schauen. Offenbar
führen sie in der Mitte des Hauses in einen Schacht. Aussen liegt die Platte auf einer
Reihe von Rollen auf, die das ganze Haus tragen.

Das ganze Solarhaus kann man um die eigene Achse drehen
Den nächsten Halt machen wir in der kleinen Stadt Rauschenberg vor dem
Stadthaus, einem alten Riegelbau mit angebautem Steinturm. Eine Mitarbeiterin führt uns
auf die Aussichtsplattform hoch, so eng, dass sich keine zwei Leute kreuzen können. Ein
schöner Ausblick auf die dicht zusammenstehenden Häuser und die Kirche an der Flanke des
benachbarten Hügels. "Der Kirchturm hat eine welsche Haube, das ist selten hier in
der Gegend", erklärt Herr Bart, der Bürgermeister, der inzwischen zusammen mit
einer Journalistin zu uns gestossen ist. "Wir haben eine historische
Unterhaltspflicht für die Kirche, die wir in den nächsten Jahren erneuern müssen."
Er erzählt von mehreren Stadtbränden in den vergangenen Jahrhunderten, die zur
Verschärfung der Bauvorschriften geführt hat und zur Verleihung des Stadtrechtes für
gerade ein paar tausend Einwohner. "Der Fürst wollte damals den Wiederaufbau nicht
bezahlen und hat sich gedacht, da kann er was einsparen, wenn die Leute selbst schauen
müssen."

Rauschenberg mit Kirche
Im Dachgeschoss ist ein Ortsmuseum eingerichtet mit allerlei Werkzeugen
und Bildern. In einer Ecke stehen mannshohe Figuren in farbigen Trachten. "Die waren
in jedem Ort verschieden. Da gab es noch keine Reissverschlüsse." erklärte der
Bürgermeister. Wieder auf dem Platz wird ein Apéro serviert, in hübschen
Keramikbechern. "Die machen wir hier in der Gegend. Sie dürfen ihn als Geschenk
behalten!"
Im Märchenland
Eines der grössten Unternehmen für erneuerbare Energien in Deutschland
ist die Firma Wagner Solartechnik in Cölbe. Rund 100 Leute kümmern sich in den
verschiedenen Abteilungen um die Nutzung der Sonnenenergie durch Photovoltaik oder zum
Aufheizen von Warmwasser. Sie veranstalten Kurse für Bauherren, Architekten, Handwerker
und Politiker.
Man wartet schon auf uns. Wir werden in den lichtdurchfluteten Neubau
geführt und nehmen an einem Rundgang teil, wo uns die Firmenphilosophie und die Produkte
gezeigt werden. "In der Mitte des Hauses steht ein hoher Tank mit 85 Tonnen Wasser,
eingepackt mit einer Schicht von 50 cm Steinwolle. Im Sommerhalbjahr wird er über die
Sonnenkollektoren aufgeheizt, im Winter profitieren wir davon." Wir rechnen
aus, welche Menge Energie da drin gespeichert ist und kommen auf einen Betrag, der etwa
500 Litern Erdöl entspricht. "Die Geschäfte gehen gut, weil verschiedene
Solar-Förderprogramme laufen und gerade ein 1000-Dächer-Programm gestartet wird."

Marilin Thalberg, Miss TWIKE 1998, übt auch auf den Liegerädern
Gegenüber unseren Fahrzeugen sind unterdessen einige Harley-Davidsons
zu einem Treff eingefahren. Man bestaunt sich gegenseitig. Wir fahren los, weiter nach
Westen auf einen sonnigen Aussichtspunkt. Früchte dienen als Vorspeise, während das
Mittagessen in Sarnau unten auf uns wartet. Das Restaurant ist ein vorbildlicher, nach
ökologischen Richtlinien geführter Betrieb. "Warum giesst die Serviertochter
Wasser in den Napf des Hundes?" frage ich mich, denn der Hund ist aus Keramik.
"Das ist nicht für den, sondern für die anderen Hunde, die da vorbeikommen!"
werde ich belehrt.
Nach der reichlichen und gemütlichen Mahlzeit erreichen wir eine kleine
Stadt mit Namen Wetter. Mir kommt gleich in den Sinn, wie man die Lokalzeitung nennen
könnte: Wetterprognose. Auch hier wird der Stadtkern durch Fachwerkhäuser
eingerahmt. Oben steht eine alte Klosterkirche neben zerfallenem Gemäuer. "Da lebten
ums Jahr 1100 herum Nonnen, die nicht eines der sonst üblichen Klostergewänder trugen,
sondern weltliche Kleider. Das Kloster wurde später aufgehoben, weil nicht alle Nonnen
ihren Gelübden treu waren." Der Ort hat seit rund 800 Jahren Stadtrechte.
Unterwegs suchen wir ein kleines Schlösschen. "Der Künstler der
Gebrüder Grimm hat das ins Märchenbuch gezeichnet", erzählt Wolfgang.
"Rapunzel liess hier das Haar herunter, damit der Prinz hinaufklettern konnte."
Das kleine Gartenhäuschen neigt sich über die Strasse. Marilin übernimmt die
Rolle der Rapunzel. Ihr Haar reicht noch nicht ganz bis zum Boden.

"Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!"
Unsere nächste Station ist das Hotel "Alte Post" in Wollmar.
Es hat den Beinamen "Märchenhotel". Der Wirt geleitet uns durch die Zimmer,
eines wundersamer als das andere. Die Tapeten und die Bilder zeigen verschiedene Themen.
Da gibt es ein Jagdzimmer, ein Schwanenzimmer und so weiter. In einem alten Theatersaal
werden Rollenspiele veranstaltet, wo die Leute Märchen wieder aufleben lassen. Wer wollte
nicht einmal ein Rotkäppchen sein, oder König Drosselbart, oder Rapunzel?
Im Hof haben wir inzwischen unsere TWIKE eingesteckt. Touristen aus
Berlin nimmts wunder, was das sei. Bernd macht sie neugierig: "Morgen sind wir
in Ernsthausen an einem Zwölf-Stunden-Rennen. Da gibts noch andere Fahrzeuge zu
sehen." Marilin setzt sich auf die Holzschaukel und geniesst den Augenblick.
Wolfgang ist seine Freundin Yvonne holen gegangen. Sie begleitet uns auf der Weiterfahrt.
Wir kommen durch Münchhausen, wo wir überall auf Tafeln dem berühmten
"Baron" begegnen, obwohl der gar nichts mit dem Dorf zu tun hatte. Es gibt noch
andere Orte mit Namen Münchhausen. Aber wer will schon auf kostenlose Werbung verzichten?
Feststimmung
Wir klettern eine steile Strasse hoch auf den Christenberg. Oben steht
die prächtige Kirche inmitten eines Friedhofs. Wir werden von den Brüdern Bernd und
Hans-Dieter Bleckmann erwartet, die mit ihrem TWIKE aus der Gegend von Hannover gekommen
sind. Sofort hin zur die Gaststätte, wo uns neue Namen aus dem Flaschenkeller begegnen:
Vitamalz ist ein süsses Malzgetränk, besonders bevorzugt von lettischen Lotto-Feen. Und
ein Spezi ist eine schiefe Mischung aus Cola und Apfelsaft oder war es
Zitronensaft?
Nun fahren wir eine weite Strecke durch den Wald, ein TWIKE hinter dem
anderen. "Da stehen Buchen, Birken und Fichten, ein richtiger Mischwald."
In Rosenthal haben sich bereits weitere Gäste eingefunden, die mit uns zusammen
auf ein Fest gehen wollen. Aber zuerst muss noch ein Auto repariert werden. Wolfgang
fährt es über die Grube in die Werkstatt und fachsimpelt, woher wohl das Öl komme,
wovon eine Pfütze auf dem Hof liegt. "Es ist irgendwo nicht dicht." meint
einer. Na klar. Das schuldige Röhrchen ist bald entdeckt. Eine Befestigungslasche war
lose, da hat das Rohr die Schwingungen nicht ausgehalten und ist müde geworden.
Entdeckt heisst noch lange nicht repariert. Und so dauert es eine ganze
Weile, bis wir doch noch aufbrechen zum Jubiläumsfest eines Gartenbauers, der alle seine
Freunde, und deren Freunde mit ihren Freunden zu sich eingeladen hat. Über dem Feuer
brutzeln Fleisch und Pilze, hinter der Theke fliessen Bier und Wasser, ums warme Feuer
sitzen die Gäste. Die kleinen Buben rasen mit Plastiktraktoren in halsbrecherischer Fahrt
die Wiese hinunter. Sie fahren wohl die gleiche Marke wie der Vater. Spät in der
Nacht trifft TWIKE-Fahrer Marc Mosimann aus Bern ein. Er erzählt von den Inseln
Griechenlands, wo er in den Ferien war. "Da steht die Zeit still", sagt er.
Die zwölf Stunden von Burgwald
Burkhard Schade und Heidi Amende kommen aus der Gegend von Fulda. Sie
hatten im Frühling ein TWIKE ausgeliehen und sind damit von Kassel nach Florenz gefahren
(Reisebericht). Eigentlich sollte das Rennen um acht Uhr
in Ernsthausen am Rande des Burgwald starten. Und es ist schon halb acht Uhr. "Die
Journalisten und die anderen Fahrer warten schon", drängt Wolfgang.

Start zur Zwölf-Stunden-Fahrt
Es klappt dann doch noch. Vor dem Autohaus Burgwald haben Bernd und
seine Kollegen im Schatten einen Tisch aufgebaut, wo sie Startnummern, Streckenpläne und
das Roadbook ausgeben und während den nächsten zwölf Stunden die durchfahrenden Mobile
im Auge behalten. Musik dringt aus Lautsprechern beim Bierzelt, überall drängen sich
Fahrzeuge zum Start. Von der Universität Karlsruhe sind Mark Römer, Bernd Poenike und
Michael Lerch angereist. Sie haben ihr Solarmobil "Delphin" mitgebracht, einen
weissen, einplätzigen Flitzer in Form eines Segelflugzeug-Cockpits, an dessen Schultern
flügelgleich die Solarzellenfläche nach hinten schwebt. Vorne hat es zwei seitlich
abstehende Räder, hinten ist eines im Rumpf zusammen mit dem Antriebsmotor verborgen.
"Das fährt 120 Stundenkilometer Spitze. Aber wir fahren heute sparsam, da unser Lauf
für die Deutschen Solarmeisterschaften gewertet wird", erklärt Michael.

Der Delphin, das Solarmobil der Uni Karlsruhe
Unsere Aufgabe ist, innerhalb von zwölf Stunden mit den Fahrzeugen, die
mit erneuerbaren Energien betrieben werden, eine möglichst grosse Strecke zurückzulegen
und dabei möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Wir müssen auf öffentlichen Strassen
fahren und die Verkehrsregeln beachten.
Ich habe es nicht gerade eilig, klebe erst mal die Startnummern auf und
fahre dann ein paar Minuten nach acht Uhr los, zusammen mit Michael Lerch, der sich die
Strecke angucken will. Eine Rundfahrt ist 42.4 Kilometer lang und führt von Ernsthausen
nach Roda, Rosenthal, Bracht, Schönstadt, Oberrosphe, Mellnau, Simtshausen, Münchhausen
und wieder zurück nach Ernsthausen. "Du liest die Karte", bitte ich Michael,
der sich in die Unterlagen vertieft. Im Roadbook gibt es Bilder, wo die Miss TWIKE an
Kreuzungen jeweils den Weg weist. Wir schwatzen und schwatzen, fahren durch Rosenthal und
Bracht, und plötzlich sehen wir die Ortstafel von Cölbe. "Verflixt, wir sind zu
weit", ärgere ich mich. "Wir haben die Abzweigung verpasst." Also
versuchen wir, eine Abkürzung zu nehmen. Die Strasse wird immer schmaler und holperiger
und führt durch einen Wald. Vorne werken zwei Waldarbeiter am Wegrand. "Wo gehts
hier lang nach Oberrosphe?" fragen wir die verdutzten Männer. "Zuerst
kommt ihr nach Unterrosphe, wenn ihr da hinunterfahrt" anwortet einer.
Wir fahren durch ein Dorf und ein zweites Dorf und begegnen einer Gruppe
von Leuten, worauf wir anhalten und uns nach dem Weg erkundigen. "Wenn Sie vorne
wieder falsch abbiegen, werden sie noch ein drittes Mal im Kreis fahren." erklärt
eine Frau. "Na, da sind wir ja richtig!" freue ich mich, denn die Frau
hat unser Fahrzeug mit zwei anderen TWIKE verwechselt. Wir bedanken uns und fahren los
nach Mellnau, dessen Burg hoch über dem Ort thront. Den Rest der Runde absolvieren wir
ohne Umwege und erreichen Ernsthausen, wo ich das Fahrzeug erst mal einstecke, da ich
Hunger habe.
Andere Fahrer sind natürlich schneller gewesen als wir. Marc steht
schon da und kühlt die Batterien seines TWIKE mit Pressluft aus der Werkstatt. Er fährt
das TWIKE 120 von Bart Viaene aus Belgien, das zum Service nach Rosenthal gebracht worden
war und nun während dem Rennen ein Batterietraining erhält. Auf der ersten Runde hat er
Claudia Theiss mitgenommen, Journalistin einer Regionalzeitung. "Sie hat unterwegs
die Vögel zwitschern hören." erzählt er.
Kalorien und Millimeter
Einige Gäste beobachten die Fahrzeuge. Ich spreche ein junges Paar an:
Martina Klein und Andreas Becker. "Wenn ihr wollt, dürft ihr mitfahren." biete
ich an. Martina will zuerst. Wir fassen noch die erste Aufgabe der Sonderprüfungen: Mit
möglichst fünf Mark sollen wir unterwegs Lebensmittel mit möglichst genau 2500
Kilokalorien Energieinhalt einkaufen. "Es muss aber angeschrieben sein und den
Kassenzettel müsst ihr als Beweisstück mitbringen." trägt Bernd uns auf.

Horst Schneider legt sich in die Kurve
In Roda sehen wir einen grösseren Laden, parken das TWIKE im Schatten
und gehen hinein. Ich stelle mich vor die Suppenbeutel und vergleiche die Zahlen. "Da
liegen wir voll daneben." stelle ich fest und versuchs mit den Teigwaren. Inzwischen
kümmert sich Martina um die Getränke. Auch Babynahrung, Früchte, Waschmittel und
Konserven führen nicht zum Erfolg. Das eine ist zu teuer, das andere nicht beschriftet.
Sollen wir länger suchen, oder uns für irgendwas entscheiden? Je länger wir suchen,
desto mehr Distanzpunkte verschenken wir. Wenn wir aber mit Preis oder Energieinhalt
daneben liegen, gibts Strafpunkte. "Die Schokolade ist nicht mal mit dem
Energieinhalt angeschrieben", wundere ich mich. "Da weiss man ja gar nicht, wie
dick man damit wird!" Plötzlich ein Freudenschrei. "Ich hab was",
ruft Martina und schwenkt ein Pack mit Kinder-Schokolade. Ich rechne nach und stelle fest,
dass wir mit zwei Pack genau auf 2343.6 Kilokalorien und fünf Mark achtunddreissig
kommen. Nicht schlecht.
Diesmal erwische ich die Abzweigung nach Oberrosphe. Die Sonne brennt
herunter und ich bin froh, dass ich mich in Ernsthausen in den Schatten setzen kann. In
der Ladepause muss ich die nächste Aufgabe lösen. Bernd malt auf dem Gehsteig mit einer
weissen Kreide zwei kleine Kreuze im Abstand von zwei Metern. "Das ist der
Promilli-Meter-Test. Hier hast du eine rote Kreide, mit der du die beiden Punkte verbinden
musst, mit einer möglichst geraden Linie. Ich werde dann die maximale Abweichung messen.
Jeder Millimeter daneben gibt einen Bonuspunkt weniger." Das ist ja schwierig, denke
ich und peile mit den Augen zwischen den Kreuzen hin und her. Soll ich rückwärts gehen,
oder vorwärts? Schliesslich fange ich an und behalte das Ziel im Auge. Immer schön ein
Stück näher. Fertig.
Bernd zieht eine blaue Schnur aus einer Rolle. "Das ist eine
Spickschnur. Sie hat Kreide drin. Steh mal auf einem Ende drauf!" Wir
verbinden die Kreuze mit der Schnur und spannen. Bernd packt die Schnur und lässt sie
spicken. Auf dem Boden ist plötzlich eine blaue, gerade Linie zu sehen, wie mit dem
Lineal gezogen. Ich bin erstaunt. Mit dem Massstab messen wir die Abweichung: fünfzehn
Millimeter. Auch nicht schlecht.
Der Eiswagen
Die nächste Runde absolviere ich mit Andreas. Er arbeitet bei Siemens
und programmiert Telefonzentralen. Diesmal nehmen wir es gemütlich und treten in die
Pedale. Als die Burg von Mellnau in Sicht kommt, frage ich: "Wollen wir uns die Burg
ansehen?" Andreas ist einverstanden. Also verlassen wir unsere Strecke und kurven
durch die Gassen den Hügel hoch. Kinder rennen über die Strasse. "Ein
Eiswagen", stelle ich fest und halte an. Sofort werden wir von einer Gruppe Mädchen
und Buben umringt. "Zuerst wollen wir uns ein Eis kaufen", verkünde ich und
beantworte inzwischen die Fragen, die sie stellen. "Dürfen wir
mitfahren?" betteln sie. "Ja, wenn wir das Eis gegessen haben." Wir
verziehen uns in einen schattigen Hof. Die Kinder machen untereinander aus, wer nach wem
dran kommt. Die Kleinen werden zuerst vorgelassen. Mit jedem drehe ich eine Runde im Hof.
Sie sind begeistert und winken uns nach, als wir weiter zur Burg hochfahren.
Von der Ruine Mellnau sind nur noch einige Aussenmauern erhalten. Der
grosse Turm wurde in diesem Jahrhundert als Aussichtsturm ausgebaut. Nach Nordosten
breitet sich auf den Hügeln der Burgwald aus, auf der anderen Seite im Tal liegt Wetter,
wo wir auch schon waren.

Pausen-Tanz
Während der Ladepause diskutiere ich mit den übrigen Fahrern. Die
"Bleckmänner" haben bei ihrem TWIKE 135 zusätzliche Kühlrohre eingebaut.
Burkhard und Heidi fahren im TWIKE 316 von Georg Schumacher aus Lorsch. Wolfram Leister
aus Leun hat sein TWIKE 061 mitgebracht und stellt es Ludwig Klingelhöfer und weiteren
Fahrern zur Verfügung. "Mein" TWIKE 133 gehört Möscheids und wird nun von
Marilin ausgeliehen, die mit Yvonne auf eine Runde losfährt, aber ohne mir was zu sagen.
"Wo ist mein TWIKE?" frage ich Wolfgang. "Die Marilin ist auf
eine Probefahrt gegangen." Mein Team wird also immer grösser, während ich
mich an die Lösung der dritten Sonderprüfung mache. Diesmal sind es vier schriftliche
Aufgaben zum Thema Energie. Wieviel Jahresertrag bringt eine der vier grossen 600
Megawatt-Windturbinen, die oben auf dem Hügel in die Luft ragen? Wie stark scheint die
Sonne bei uns auf die Erde, wenn keine Wolken da sind? Knifflige Fragen. Jede gibt 25
Punkte, wenn sie richtig beantwortet wird. Diesmal habe ich Glück und schaffe 100 Punkte!
Als Marilin wieder zurückkehrt ist es schon bald Abend. Soll ich noch
auf eine nächste Runde aufbrechen? Wir entscheiden uns, nicht mehr zu starten und
stattdessen später alle miteinander auf den Hügel zu den Windturbinen hochzufahren, um
im vergehenden Abendlicht ein paar Fotos zu schiessen.
Aber zuerst kommt noch die vierte Sonderprüfung. Wir setzen uns alle
hin und Martin legt die CD "Irreal Ultra" ein, wo der Kabarett Willy Astor das
Märchen von "Radkäppchen und dem bösen Golf" erzählt. Es ist zum totlachen!
Unsere Aufgabe ist es, in der Geschichte möglichst viele Automarken herauszuhören, die
irgendwo in den Sätzen versteckt sind. Der Kater Lysator und die obenliegende Nockenwelle
kommen ebenso vor wie die Zündkerze und das Pannendreieck. Ich finde zweiundzwanzig
Marken heraus. Einen habe ich überhört. Wann hat er "Volkswagen" gesagt? Für
mein Resultat gibts neunzig Punkte.
Es rauscht der Wind
Die vier Windanlagen auf dem Hügel sehen fast gleich aus. Ein rund 60
Meter hohes weisses Rohr von nicht ganz zwei Metern Durchmesser trägt oben eine Gondel
mit dem elektrischen Generator. Die drei weissen Flügel des Propellers haben eine Länge
von vielleicht zwanzig Metern. Jedesmal, wenn ein Flügel unten am Turm vorbeistreicht,
hört man ein leichtes Sausen, ansonsten arbeitet die Anlage praktisch geräuschlos.

Auf dem Hügel
Wir stellen den "Delphin", die TWIKE und die Liegeräder in
eine Reihe hin und bleiben eine Weile da, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden
ist.

Beim Windrad
In Rosenthal ist auf der Wiese hinter Möscheids Haus ein Holzstoss
vorbereitet, der nun angezündet wird. Auf dem Grill gibts Würste. Wir setzen uns ans
Feuer und schauen in die Glut. "Ich lach mich manchmal kaputt, wenn ich die Schweizer
reden höre." meint Nette. "Da kommen Worte vor, die nicht in unsere Ohren
hineinpassen." Ja, tatsächlich. Wo mir eine Reservation normal erscheint, oder
parkieren und absitzen, dann klingen diese Worte in Deutschland anders. Es heisst da
Reservierung, parken und sich hinsetzen. Man gewöhnt sich an alles, auch an Fehler.

Abends am Feuer
Burkhard und Heidi haben am Rand der Wiese ein Zelt aufgestellt. Nach
und nach wird der eine nach dem anderen müde und legt sich schlafen. Nur Martin, Marc und
ich sitzen noch da, und denken über die Zukunft nach. Warum beschäftigen wir uns mit
Solarmobilen? Was treibt uns an?
Stunden vergehen, bis es am Horizont wieder hell wird. Eine Amsel
beginnt auf dem Dachfirst zu pfeifen. "Die ist hier zu Hause. Die singt immer in der
Frühe." weiss Martin.
Preisverleihung
Die einen schlafen am Sonntagmorgen etwas länger aus. Das Mittagessen
ist in einem zur Gaststätte umgebauten alten Bahnhof in Gemünden vorgesehen. Die
Bahnlinie ist schon lange aufgehoben, aber ein alter Wagen dient im Garten als Speisesaal
bei Regenwetter.
Marilins estnischer Freund ist heute aus Tallinn angereist. Er spricht
kein Wort Deutsch und Englisch. Marilin muss sich deshalb als Dolmetscherin betätigen und
erklärt ihm die Speisekarte.

Der Wanderpreis
Martin hat den Hauptpreis mitgebracht: die nun fertige Skulptur von
Kunstschmied Gerry. Sieht hübsch aus. Der Wanderpreis geht ans Team der Uni Karlsruhe,
das knapp vor Marc Mosimann gewonnen hat, dank einer ausgezeichneten Leistung bei den
Sonderprüfungen. Marc hat dafür mit 254.4 Kilometern den Streckenrekord geschafft.
"Da wäre noch mehr möglich gewesen." ist er überzeugt. Alle Teilnehmerinnen
und Teilnehmer erhalten ein Zertifikat, das die erbrachte Leistung dokumentiert.
Die Sonderprüfungen wurden allgemein gut gelöst. Zum Beispiel hat Marc
beim Einkaufen ein Müesli für vier Mark neunundneunzig mit 2550 Kilokalorien gefunden.
Beim Promillimeter-Test war Mark Römer aus Karlsruhe bis auf 10 Millimeter genau. Von den
Fragen haben einige Teams sämtliche richtig gelöst und bei den Automarken hat das Team
aus Karlsruhe alle herausgefunden. - Die Rangliste.

Preisverleihung
hinten v.l.n.r.: Bernd Werner, Hans-Dieter Bleckmann, Bernd Bleckmann, Wolfgang Möscheid
und Marilins "Boyfriend"; mitte: Gerry Lanz, ... (?), Yvonne, Marilin Thalberg,
Martin Möscheid, Horst Schneider; unten: Ludwig Klingelhöfer
Während die anderen anschliessend in die Badi gehen und an der Sonne
liegen, diskutiere ich mit Bernd Werner die TWIKE-Batterieelektronik. Wir gehen die
Schaltpläne durch und tauschen Erfahrungen und Ideen aus. Am Abend findet die
Geburtstagsparty von Mama Möscheid statt, wo wir als Gäste des Hauses ebenfalls
eingeladen sind. Bis spät in der Nacht spielen wir auf einem Musikinstrument, das
gleichzeitig Klavier und Orgel ist. Martin macht noch das TWIKE von Georg bereit, das wir
morgen nach Bonn an eine Tagung über Antriebstechnologien mitnehmen wollen. In der Nacht
stürmt und donnert es.
Der Minister im TWIKE
Am Montagmorgen müssen wir früh losfahren. Mit dem TWIKE im
Lieferwagen fahren Martin, Marc und ich über die E40 nach Bonn zum Bürogebäude der
Bundestagsabgeordneten. "Das ist das Hochhaus gegenüber den Museen", werden wir
angewiesen. Vor dem Eingang warten schon eine Reihe von Journalisten, die Fernsehkameras
liegen auf dem Boden.
Wir werden von Hans-Josef Fell begrüsst. Der Physik- und Turnlehrer aus
Bayern fährt das TWIKE 028 und wurde im Herbst 1998 in den Deutschen Bundestag gewählt,
als Vertreter der Grünen. Er ist der forschungspolitische Sprecher der Grünen und
Organisator des Seminars über "Neue Antriebstechniken". Unterstützt wird er
von Henning Braun aus Bielefeld, der bekannt ist für sein Engagement in der
Solarmobil-Szene in Deutschland. Wir treffen einige alte Bekannte: Roland Reichel vom
Bundesverband Solarmobile (bsm), Christian Dürschner aus Erlangen, Jürgen Werner aus
Mössingen, Tomic Ruschmeyer aus Hamburg, Edgar Löhr aus Lindau und andere.
Die Journalisten warten nicht auf uns, sondern auf den deutschen
Umweltminister Jürgen Trittin, der im Mittelpunkt der Kontroverse um die geplante
Abschaltung der Atomkraftwerke in den kommenden Jahrzehnten steht. Als er erscheint,
surren die Medienleute herum wie Wespen. "Herr Minister, sagen sie uns was zum Thema
der Kernenergie! Glauben sie, dass es eine Lösung geben wird, die der Bundeskanzler
Schröder unterstützen wird?" Trittin wehrt ab. "Heute geht es um
Verkehrspolitik. Zur Kernenergie sage ich nichts." Die Journalisten sind
unzufrieden und haken nach. Das Thema Antriebstechnik interessiert sie einen alten Hut.
Inzwischen hat Hans-Josef Fell seinen Parteikollegen zum TWIKE geführt.
"Wir werden zusammen eine kurze Fahrt machen." "Darf ich selbst
fahren?" "Nein, das kannst du nicht. Das ist zu kompliziert."
Mir fallen die Schweizer Bundesräte ein, die kürzlich in Winterthur mit dem TWIKE
gefahren sind. Ich fuhr damals mit Bundesrätin Ruth Metzler, die nach ein paar Minuten
Einführung das Fahrzeug gut im Griff hatte.

Umweltminister Jürgen Trittin (vorne) steht Red und Antwort
Ein paar Meter hin und zurück für die Kameras. Anschliessend werden
andere Fahrzeuge gezeigt, mit Druckluftantrieb und Pflanzenölmotor. Der Peugeot
Elektro-Scooter von Jürgen Werner bleibt links liegen und wird kaum beachtet, obwohl er
super zu fahren ist. Dabei hat er ihn extra mehrere hundert Kilometer herbringen lassen.
Perspektiven
Im Vortragssaal beginnen die Reden. Hans-Josef Fell betont, dass die
Mobilität auch den kommenden Generationen gewährleistet werden müsse. "Die moderne
Fortbewegung der Zukunft muss aber umweltfreundlich sein. Die Aufgabe der Politik ist es,
dazu beizutragen, dass vorhandene Innovation der breiten Umsetzung zugeführt werden
kann."

MdB Hans-Josef Fell, TW 028, Hammelburg
Umweltminister Jürgen Trittin weist darauf hin, dass der Verkehr die
grösste Quelle von CO2-Emissionen darstelle. Zudem würden 60% aller
Erdölprodukte vom Verkehr verbraucht. "Nachhaltige Entwicklung ist mehr als nur
Technik." meint er im Hinblick auf die grossen Anstrengungen, die zur Senkung des
Kraftstoffverbrauches und zur Einführung alternativer Kraftstoffe unternommen werden
müssten.
Roland Reichel gibt eine Einführung in die Geschichte und Gegenwart der
Solarmobile. "Wenn man weniger als 10 km pro Tag unterwegs ist, wäre eine Versorgung
durch Solarzellen auf dem Fahrzeug möglich. Liegt der tägliche Bedarf darüber, muss man
ans Netz laden gehen." Mit einem Seitenblick zu mir stellt er später fest:
"Mit einem TWIKE kann man sich rund 1200 Mark pro Jahr Fitnessstudio und Zeit
einsparen."
Ich stelle daraufhin das TWIKE vor und nenne die drei
Schlüsseltechnologien, welche diese neue Fahrzeugkategorie ermöglicht haben: Leichtbau,
Batterie und Elektronik, wo in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht wurden.
Es fahren rund 400 TWIKE im Verkehr, die meisten in der Schweiz und Deutschland. Die
Spitzengeschwindigkeit von 85 km/h, der Einsatzbereich innerhalb 40-80 Kilometern und die
zwei Plätze machen es brauchbar für den Alltag. Der Energieverbrauch ist um einen Faktor
10 besser als beim Auto. Das TWIKE wird in Serie hergestellt und kann in den
spezialisierten TWIKE Zentren gekauft werden.
Die weiteren Referate befassen sich mit dem Druckluftauto, mit der
Brennstoffzelle, speziellen Motoren und die Nutzung von Bio-Rohstoffen in Form von
Methanol, Dimethylether und Pflanzenölen. Es gibt interessante Ansätze, die man durch
politische Anreize weiterentwickeln kann, z.B. mit Steuerbefreiung und so weiter.
Hans-Josef Fell fasst am Schluss zusammen: "Ohne die anwesenden Pioniere wären wir
noch nicht so weit, wie wir heute sind."
Anschliessend an die Veranstaltung gehen wir mit Hans-Josef und ein paar
Kollegen in ein griechisches Restaurant, um Energie zu schöpfen in Form von Bauernsalaten
und anderen Leckereien. Politik findet auch hier am Stammtisch statt. Für die
Bundestagsabgeordneten und ihre Helfer stehen die Umzugswagen bereit für die grosse Reise
nach Berlin, wo sie nach der Sommerpause wieder loslegen. "Die Energiebilanz des von
Norman Foster umgebauten Reichtagsgebäudes ist sensationell. Das ist ein richtiges
Energiesparhaus, und man sieht ihm das nicht mal an." lobt Hans-Josef.
Ich möchte auch einmal nach Berlin, denke ich. Heute ist der Heimweg
kürzer. Wir treffen spät nach Mitternacht in Rosenthal ein.
Den Verantwortlichen um Martin und Wolfgang Möscheid, Bernd Werner
und ihren Freunden möchte ich herzliche für die Gastfreundschaft und die tolle
Veranstaltung danken. Ich freue mich schon auf das nächste Mal, denn: Der Hauptpreis ist
ein Wanderpreis und kann nochmals gewonnen werden!
Peter Zeller

Peter Zeller hat sich beim Kunstschmied einen Hut ausgeliehen
Rangliste der Zwölf-Stunden-Fahrt