TWIKE Klub

 
 Ferien in der Provence
 
Im Sommer 1999 fuhren Kathrin Isler und Martin Schmid mit dem TWIKE 034 nach Südfrankreich in die Ferien.

Sie berichten hier von ihrer Reise und geben einige Tipps von "Autozug" bis "Unterkunft"...
 

 
 
Bonnes Vacances !

Mit dem TWIKE nach Südfrankreich?! – Wieso denn nicht!? Viele Mitbürger glauben uns jetzt noch nicht, dass die Reichweite des TWIKE immer genau richtig war! Dies war schon gleich am ersten Tag so, als wir am heissen, sonnigen Samstag um halb elf Uhr mit viel Gepäck hinter den Sitzen Richtung Südwest aufbrachen, bewaffnet mit einem "chambres d'hôtes"-Guide für Frankreich und einem "Schlafen im Stroh"-Verzeichnis für die Schweiz.

Gepäck 1
Rund 50 kg Gepäck verschwanden...
Gepäck 2
...in den Tiefen des TWIKE-Gepäckabteils

Es hat uns nämlich genau bis zur Familie Dubs in Othmarsingen zur spontanen Einladung zum Kaffee gereicht und später gerade bis zum Glacé in Bützberg (beide im LEMnet). So erreichten wir flott aber mit dem letzten Stromchäferli Avenches, mit seinen römischen Ruinen und dem malerischen Städtchen. Das Cabrioverdeck war während den ganzen Ferien nur Nachts montiert, um das Fahrzeuginnere vor Fliegen und Tau zu schützen – und so begrüssten wir auch am Sonntag die Sonne und fuhren nach Yverdon.

   
 

See und Sonne

Bevor wir uns im kühlen Neuenburgersee erfrischen konnten, lud uns die Firma MW-Line ein, während der Ladezeit ihre Fabrikation von Solarbooten anzuschauen. Das SSES-Solarschiff und der Brennstoffzellen-Prototyp des Tech Biel waren Anfang Juni noch im Bau, schwimmen aber mittlerweile im Wasser und in den Tageszeitungen! Wie hier war das TWIKE meistens viel schneller vollgetankt, als es uns hätte langweilig werden können. Nach einer romantischen Nacht im Stroh bei Gimel erreichten wir am Montag morgen Genf. Das System mit dem Data-Key an den Parkhaussteckdosen erwies sich als geradezu touristenfeindlich und kompliziert – Wir mussten für 10 Franken Strom kaufen, obwohl wir für ganze 49 Rappen getankt haben und vielleicht nie mehr nach Genf kommen mit dem TWIKE. Wir hoffen, das System wird bald durch das unkompliziertere und internationale Park&Charge ersetzt.

Nach dreissig Kilometern französischer Strasse holte sich unser TWIKE seinen ersten und hoffentlich einzigen Plattfuss. Dank dem Leichtgewicht war kein Wagenheber nötig, um den Ersatzschlauch aufzuziehen. Ein freundlicher Herr schloss uns den Werkhof des Strassenunterhaltsdienstes auf, wo wir mit Pressluft pumpen konnten. Den untauglichen Reparaturspray haben wir bald durch eine Pumpe ersetzt...

 

Im Rücken weht der Mistral

Der weitere Weg, der sich jeweils erst während des jeweiligen Tages genauer abzeichnete, führte uns am Lac de Bourget entlang nach Aix les Bains, und weiter zur Papiermühle "le Moulin de la Tourne". Nach deren Besichtigung stiegen wir in das Chartreuse-Massiv ein, wo wir gleich zwei Pässe mit einer Ladung hinter uns brachten – Rekuperation sei Dank. Vom Übernachtungsort in St. Pierre de la Chartreuse kamen wir über den Col de Porte nach Grenoble hinunter. Das geniale war, dass dank dem höhenmässig nur halb so weiten Aufstieg auf 1326 m Passhöhe die Batterien in Grenoble wieder randvoll waren – und dies nach 35 km traumhafter Fahrt!

Im Vercors legten wir einen Wandertag ein, welcher uns mitten in den Bergfrühling auf den unberührten Hochplateaus brachte.

Mont Aiguille
Der eindrückliche, beinahe unbesteigbare Mont Aiguille im Vercors

Anderntags pedalten wir über den Col de la Croix Haute in die sommerlich heisse Provence hinunter – den erfrischenden Mistral im Rücken und ein sanftes lang anhaltendes Gefälle bescherte uns bei flottem Tempo eine rekordverdächtige Etappe bis gegen Sisteron.

Sisteron
Eindrückliche Felsformation; Ausblick von der Zitadelle von Sisteron

 

Saubere Sache

Nach einem Tag mit lokalen Unternehmungen führte uns die Reise zur Seifenfabrik Loccitane und nach Esparron du Verdon zu den Schluchten und zum Stausee – auf dem ganzen See dürfen nur Muskelkraft-, Wind- oder elektrisch getriebene Boote verkehren – und tun dies auch, geräuschlos und sauber und mit bis zu 30 Sitzplätzen!

Esparron du Verdon
Kein Lärm, sauberes Wasser, saubere Luft – und trotzdem das volle Wassersportangebot!

Hierhin kam ich auch noch einmal per Autostopp zurück, weil ich die Kabelrolle und den Adapter für den Schweizer Stecker liegen liess... Und plötzlich ist man froh, wenn die Reichweite nicht zu gross ist!

Mühle von Daudet
Le Moulin de Daudet – des Schriftstellers langjährige Behausung

Grambois
Die Kirche in Grambois (Luberon) mit der für die Provence typischen, luftigen Kirchturmspitze

Später gings in den Luberon, einem weiteren Nationalpark und in die Camargue zum Segeln, Reiten, Tierli beobachten (Biberratte, Flamingos, Füchse, Kaninchen, Fischreiher, Kranich, Strandläufer und weitere tausend Vogelarten), Baden, Lesen und viel Schlafen. Bitte Mückenspray nicht vergessen!

Camargue
Bei den Flamingos...

Flamingos
...darf aus der Reihe getanzt werden!

 

Le pont d'Avignon

Den Abschluss bildete der Besuch der historischen Städte Arles und Avignon. Letztere ist nach 2 Wochen Natur pur und Einsamkeit geradezu ein Kulturschock...

Avignon
Sur le pont d'Avignon... – oder wenigstens fast

In Avignon wurde unser TWIKE zusammen mit Autos auf den von Narbonne kommenden Autotrain verladen, währenddem wir in der Stadt ein edles Nachtessen einnahmen. Im Schlafwagen reisten wir schnell nach Mulhouse zurück, von wo wir den Rest nach Winterthur unter die Räder nahmen.

 

Wie Gott in Frankreich...

...übernachteten wir in den "Chambres d'hôtes" und "Gîtes d'Etape". Meistens etwas ausserhalb von Ortschaften in malerischer Lage stösst frau auf Landschlösschen und Gutshäuser mit dem einladenden gelb-grünen Täfelchen. Zum Beispiel in Cruis, wo am Montagne de Lure, mit 100 Kilometer Fernsicht und inmitten von Thymian und Lavendelfeldern das Farmhaus "Grandchamp" steht. Es bietet seinen Gästen Erfrischung im Swimmingpool, Entspannung auf der schattigen Terrasse mit einem Büsi auf dem Schoss, schwere Bäuche mit selbstgepflückten Kirschen und interssante Gespräche und Hilfe zur weiteren Routenplanung von und mit dem Hausherrn. Morgens erkundigte sich Phillippe am Pool, ob das Frühstück in einer Viertelstunde recht sei und fand dann Zeit, um sich zu uns zu setzen und ein wenig über die weiteren Vorhaben zu plaudern. So kamen wir auch zu einem lehrreichen Abend im Observatorium auf dem Lure, wo sich der regionale Sternguckerverein regelmässig trifft.

Solche Stätten der Ruhe kosten jeweils ca. 50 bis 80 Franken pro Doppelzimmer inkl. Frühstück und Strom. Vive la France!

Unterkunft
Das Gästehaus der Biofarm bei Chichilianne im Vercors

Tip für die Camargue: Wer zur Vogelzugszeit (April, Mai oder Oktober) auf einer Farm im Naturschutzgebiet übernachten will, muss dringend reservieren – sämtliche Ornithologen Europas ziehen dann auch in den Süden...

Interessant für Twiker: Obwohl nicht in jedem Dorf "Chambres d'hôtes" zu finden sind, reichte die Akkuladung immer bis zu so einem gelb-grünen Schild, manchmal knapp, manchmal mit ein paar "Stromchäferli" übrig.

 

Begegnungen mit dem TWIKE

In Frankreich wurde uns oft der Vortritt gewährt um mehr Zeit zum Staunen zu haben. Baustellenarbeiter steckten die Schaufel ein, um uns zu winken – und Überholer nahmen sich Zeit um rüberzugrinsen und den nach oben zeigenden Daumen zum Fenster hinaus zu halten. Im Gegensatz zur eher skeptischen Haltung der Schweizer kam jeweils schon nach kurzer Erläuterung des TWIKE eine Diskussion unter den Interessenten in Gang – aus denen ich folgende Fetzen wiedergeben kann: "Pourquoi pas?!" – "C'est geniale ça, quoi!" – "Quand même si vite – et ça ne coûte pas plus chère qu'une voiture!"... Vor allem letzterer Satz erstaunte mich immer wieder.

Ein alter Ziegenhirt fragte uns, wo wir die Flügel hätten – das sei doch ein Flugzeug!

Kinder
Und natürlich war auch hier das TWIKE der Liebling aller Kinder

 

Strombezug

Ja, kommen Sie nur! Bezahlen? Nein! – Es wird schon nicht 10'000 Francs kosten... Die Steckdose da hinten gibt 16 A, jene dort 28! – Viele Leute waren sehr gut informiert über ihre elektrischen Installationen und das Netz war tadellos. Stichprobenweise gemessene Spannungen zeigten keinerlei hochohmige Nullleiter oder fehlende Erdung, wie von verschiedener Seite prophezeit. Durch die gute Information und die hohe Absicherung verbrannten wir keine einzige Sicherung.

In Esparron sur Verdon und Les Saintes Maries de la Mer (Camargue) finden sich zudem im Hafen Dutzende CEE-16A-Steckdosen für die Boote – genug für den ganzen ECS... Die 12 neuen LEMnet-Einträge sind auf dem Internet abrufbar. Wenn Sie zu Hause genügend Solarstrom eingespiesen haben, können Sie in Frankreich mit ruhigem Gewissen Ihren Solarstrom wieder herausziehen...

 

Energieverbrauch

Wir legten mit rund 200 Kilo Zuladung über 6 Pässe hinweg 1850 Kilometer zurück und verfuhren dabei netto 72 kWh. Hinzu kommen noch die Ladeverluste, weitere 20 kWh. Dies entspricht insgesamt dem Jahresverbrauch einer Standbyschaltung eines Fernsehers oder 9 Litern Benzin. Mit einem Auto wären wir damit nur bis Olten oder Solothurn gekommen!

 

Die Strassen

Der Verkehr rollt in Frankreich grundsätzlich entspannter und weniger aggressiv als hierzulande, was keine Aussage über die Geschwindigkeit macht. Das befahrene Gebiet ist verglichen mit der Schweiz sehr dünn besiedelt. Werden hier die auf der Karte gelb oder gar weiss markierten Strassen gewählt, kann die Reise in aller Ruhe genossen werden.

Flachsfelder Lavendel
Flachsfelder in blau... ...und der noch nicht ganz erblühte Lavendel in lila

Manchmal kam uns während einer Viertelstunde überhaupt kein Fahrzeug entgegen. Die Strassen, welche zusätzlich grün markiert sind, sind solche in besonders malerischer Landschaft, mit einem reichhaltigen Angebot an Sehenswürdigkeiten oder einem speziellen Angebot an kulinarischen Freuden. Diese Wege tragen dann klingende Namen wie "Route des Vins et Fruits" oder "Route des Chateaux".

Im der Provence schwebt man im Juni bis August in einem Duft von den Lavendel- und Thymianfeldern – "Route du Thym et de la Lavande"?

Am Wasser
Narzistische Spielereien an salzhaltigen Tümpel in der Camargue...

Für Leichtelektromobilfahrer ist zu erwähnen, dass der auf Nebenstrassen meist sehr rauhe Belag ein wahrer Pneufresser ist – also nicht schon mit beinahe abgefahrenem Profil starten...

Pfau
Die Schönheit und die Kunst des Leichtbaus der Natur bleiben aber unübertreffbar

 

Tipps zum Autotrain

Der Autozug ist unbedingt empfehlenswert. AUTOtrain/SNCF bieten 45 Verbindungen in ganz Europa an (Info). Fahrzeuge unter 400 Kilo müssen festgezurrt werden. Um die Logistik von Zügen, welche mehrere Einsteige- und Zielorte haben, zu vereinfachen, verlädt Autotrain S.A. selber. Im Falle des TWIKE hiess dies eine kleine Probefahrt, welche mit Stolz und Freude absolviert wurde. Nach den Formalitäten bringt ein Bus die nicht mehr automobilen Gäste in die Innenstadt oder auf den Bahnhof. In Mulhouse wird der Reisende von einer Dame ins Buffet geführt, wo zum Frühstück gedeckt ist. Die Rangierarbeit und das Entladen wird in der Zwischenzeit diskret erledigt...

Auch hier müssen die Twiker halt selber schnell Hand anlegen. Die Fahrt kostete übrigens für zwei Personen im Liegewagen und einem TWIKE (= Motorrad mit Beiwagen) inkl. Versicherung und Frühstück 256 Franken.

Auto-Zug
...komfortables, schnelles Reisen für alle mit dem Autozug (Avignon-Mulhouse in 5h 40 min!)

 

Kathrin Isler und Martin Schmid (kathrinymartin@dplanet.ch) sind Gründungsmitglieder des TWIKE KLUB SCHWEIZ. Ihr TWIKE, Nr. 034 der Produktion, hatte zum Zeitpunkt der Reise 44'000 km auf dem Tacho und fährt noch immer mit dem ersten Satz Batterien.

bonnes vacances

 

Aktualisiert: 29. Juli 1999 / ms

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