TWIKE Klub

Die Reiseroute
 
Die Reise führte während 24 Tagen in lockerem Tempo mit viel Zeit für Besuche von Kollegen, Museen und Sehenswürdigkeiten entlang der folgenden Ortschaften und Pässe:
Chur – Buchs – Appenzell – Urnäsch – Herisau – Bischofzell – Weinfelden – Zurzach – Laufenburg – Frick – Liestal – Belchenpass – Gempen – Dornach – Basel – Weil (D) – Porrentruy – Belfort (F) – Ronchamps – Saint Hippolyte – St. Ursanne – Saignelegier – Le Locle – Neuchâtel – St. Croix –Yverdon – Moudon – Montreux – Bulle – Gruyères – Broc – Jaunpass – Bern – Sörenberg – Glaubenbergpass – Sarnen – Stans – Beckenried – Gersau (Fähre) – Brunnen – Schwyz – Ibergeregg (Pass) – Einsiedeln – Rapperswil – Ricken (Pass) – Wattwil – Wildhaus – Buchs – Chur.

Technische Daten
 
TWIKE 337 ("Kuh-Twike"), 1 jährig mit 3 Batterieblöcken Sanyo 3 Ah
 
Totale Strecke: 1767 km, Verbrauch 244 Ah (*336 V = 81,9 kWh) = 4,6 kWh/100 km
 
Fahrweise: Eher sparsam 55-60 km/h, diverse Passfahrten bis 1600 m ü.M.
 
Zuladung: 2 Personen mit ca. 35 kg Campingausrüstung und Gepäck
 
Reisedaten: 7. bis 31. Juli 2000

 

TWIKE-Reise durch die Schweiz

Urs Vollmer und Inge Frewein aus Trimmis GR haben sich im Juli 2000 mit ihrem Kuh-mässigen TWIKE 337 auf eine "Tour de Suisse à la TWIKE" begeben. Hier berichten sie von ihren Eindrücken und Erlebnissen.
 

Die andere Tour

Als eingefleischte Radtourenfahrer mit Sack und Pack wollten wir einmal eine etwas andere "Radtour" machen und beschlossen, die Schweiz mit dem TWIKE zu bereisen. Im Gegensatz zum Fahrrad erhofften wir uns diverse Vorteile und Annehmlichkeiten: Da wäre mal die bessere Regenresistenz – was sich im Verlauf der Reise als Glücksfall erwies. Mit geplanten Tagesetappen von ca. 80 bis 100 Kilometern hat man genügend Zeit, um die Schönheiten der Landschaft auszukosten. Der Aktionsradius ist im Vergleich zum Fahrrad doch deutlich erhöht. Für spontane Routenänderungen liegt viel mehr Spielraum drin. Und natürlich sind die Pässe etwas weniger "heavy".

Treuer Begleiter unserer Fahrt war das LEMnet-Stromtankstellenverzeichnis. Am Abend konnte grundsätzlich jeweils eine Vollladung auf dem Campingplatz, bei Bekannten oder im Hotel gemacht werden und während des Tages mussten wir nur einmal auf Stromsuche gehen. Wir fuhren nach den 1:300'000 Michelin-Strassenkarten und hielten uns wo immer möglich an die kleinsten Nebenstrassen, welche ideal sind, da dort sehr wenig Verkehr herrscht. Gewisse Umwege nahmen wir zugunsten des Fahrerlebnisses und des Landschaftsbildes gerne in Kauf. Die überquerten Pässe waren jeweils ein besonderes Erlebnis.

Auf dem Jaunpass
Atemberaubende Aussicht auf dem Jaunpass
 

Im Bad wussten wir, weshalb wir nass sind

Der Beginn unserer Reise führte uns durchs – leider verregnete – Appenzell mit seinen vielen Hügeln und saftig grünen Weiden. Die Sage vom Riesen mit den verlorenen Häuschen aus der Hosentasche kann man sich hier plastisch vorstellen. Schon am ersten Abend gerieten wir in den Bann des Kantonalbankfestes – man feierte das 100 Jahr-Jubiläum, wo sich ganz Appenzell auf den Strassen zu Attraktionen und Musik zu treffen schien. Der strömende Regen störte offensichtlich die Besucher nicht im geringsten, man traf sich auf der Strasse und hatte den Eindruck eines sehr familiären Anlasses. Weiter folgte der Besuch des Heimatmuseums von Urnäsch, welches gerade am ersten Tag nach dem Umbau geöffnet hatte. Dort wird neben ländlicher Wohnkultur hauptsächlich das Brauchtum des Chlausens thematisiert, in einem sehr rustikalen alten Haus. Wir waren ganz angetan, von diesen Anlässen im Appenzellerland, die wir ganz unerwartet so per Zufall antrafen.

Da wir bis Frick mehr oder weniger im Regen fahren mussten, beschlossen wir, in Zurzach eine Thermalbadpause einzulegen, damit wir wenigstens wussten, weshalb wir nass sind. Das TWIKE wäre grundsätzlich schon dicht, wenn nur das Wasser ab 60 km/h nicht zwischen den Scheinwerfern (!) hereinströmen würde. Die Themalquellen jedoch sind vorbildlich, direkt vor dem Haupteingang gibt es vier Steckdosen!
 

Geschichten und Spekulationen

Durch die Baselbieter Achterbahn (wie wir die Strecke nannten) führte uns der Weg über den Belchen durch dunkelste Waldstrassen mit wilden Steigungen und Gefällen durchs Waldenburgertal nach Dornach und Basel. Obwohl ich im Baselland aufgewachsen bin, muss ich gestehen, das Baselbiet nicht im geringsten von dieser Seite gekannt zu haben.

Der architektonisch-kulturelle Teil unserer Reise führte uns u.a. nach Weil (Vitra Design Museum) und Ronchamps (Corbusier-Kapelle). Für weniger Kunstbewusste war unser Fahrzeug auf dem Parkplatz jedoch die grössere Sensation, besonders in der Westschweiz und in Frankreich scheint ein TWIKE eine kleine Sensation zu sein. So kommt es, dass wir gezwungen waren, uns eine spezielle Technik anzueignen, um nicht täglich die selbe Story von "jaja, das hat einen Elektromotor", "sicher, man kann an einer normalen Steckdose aufladen", "natürlich, der fährt über 85 km/h", "nein es hat keine richtige Heizung"... etc. erzählen zu müssen, und die geht so:

Leute...
Der übliche Anblick auf Parkplätzen in Frankreich: "mais il faut pedaler !"

Bei der Ankunft muss man völlig selbstverständlich einen normalen Parkplatz belegen und mit konzentrierter Mine und Blick ins Wageninnere seine sieben Sachen zusammenkramen, dann mit einem Griff die Wagenhaube schliessen und ohne zurückzublicken das Gefährt zielstrebig verlassen.

Beim Abfahren geht die Methode umgekehrt. Man nähert sich langsam und unauffällig der um das TWIKE stehenden Menschentraube und sucht sich in der Nähe einen Platz, wo man gute Sicht aufs Fahrzeug hat, wenn möglich so nahe, dass man die Gespräche mithören kann. Dann setzt man sich auf einen Randstein, eine Bank etc. und beobachtet offensichtlich gelangweilt das Geschehen. Dabei kann man die Leute fachsimpeln hören, was sehr amüsant ist. "Regarde, il faut pedaler!", "mais il vient des Grisons!", "oui, oui, ça c'ést solaire", etc. Irgendwann sind dann alle Vermutungen und Spekulationen über dieses Gefährt geäussert, die Gruppe verzieht sich und man kann ungestört einsteigen und abfahren.
 

Energie von unten und oben

Quer durch die ganze Jurakette arbeiteten wir uns schliesslich nach Neuenburg durch. Eindrücklich war die Sichtbarkeit des Chasserals, der mit jeder Tagesetappe näher rückte. In Le Locle ist der Besuch der unterirdischen Mühlen sehr zu empfehlen. Dort kamen im 16. Jahrhundert die Leute tatsächlich auf die Idee, infolge Energiemangels in 100 Metern Tiefe fünf Wasserräder einzubauen und unter dem Boden Getreide zu mahlen und Baumstämme zu sägen!!!

A propos Energiemangel, bzw. Stromsuche: Hier zeigt sich ein deutliches Gefälle zwischen Deutsch- und Westschweiz, gibt es doch im ganzen Jura nur wenige offizielle Tankstellen. Campingplätze sind da eine sichere Sache, dachten wir, bis wir in Saignelégier mit leerer Batterie hoffnungsvoll einfuhren und einen Zeltplatz mit Strom reservieren wollten. "On n'a pas de courant" lautete die Antwort, was wir auf Grund der zahlreichen Satellitenantennen auf den Wohnwagen kaum glauben konnten, aber tatsächlich – alle hatten ihre Solarpanels auf dem Dach. Aber der Campingwart wusste Rat: Im Jura gibt es in an vielen Orten sogenannte "Euro-Relais", das sind Wohnmobil-Service-Stationen in Selbstbedienung mit Frischwasser, Entsorgungsmöglichkeit für chemische Toiletten sowie Strom in Form von 4 CEE-16 A Steckdosen! Solche Stationen haben wir in Saignelégier, La Chaux-de-Fonds, Neuchâtel und Broc gesehen. Es muss sicher einen Führer solcher Euro-Relais-Stationen geben.

Aber auch in der Deutschschweiz gibt's einige Strom-Exoten, so musste ein Hotelbesitzer in Weinfelden zuerst die technischen Daten des TWIKE seinem Elektriker durchgeben (wohlgemerkt an einem Sonntag!), um uns nach 2 Stunden eine Steckdose anbieten zu können. Generell hatten wir sonst aber keine ernsthaften "Beschaffungsprobleme".

Während unserer ganzen Reise waren wir überrascht von der Vielfalt und Schönheit der Landschaften, die wir teilweise trotz Regen bewundern konnten. Wir fragten uns dabei öfters über den heute üblichen (Un)Sinn des Ferientourismus per Flugzeug. Da jettet man locker um die halbe Welt, nur um irgendwo eine neue Landschaft zu sehen. Wenn man pro Tag nur 80 bis 100 Kilometer zurücklegt, bleibt viel Zeit für eine gemütliche Fahrweise mit vielen Stopps. Insofern kommt das twiken dem biken recht nahe, man erlebt die Landschaft – und auch die Steigungen – sehr direkt und bewusst.

In Yverdon ermöglichte uns eine Ladepause die Betriebsbesichtigung der Solarbootswerft, welche auch die VCS-Solarboote baut. Mit den Geschäftsführer hatten wir ein spannendes Gespräch über die Entwicklung und Vermarktung von Solarbooten und neuartigen Elektroantrieben, wie z.B. Elektro-Aussenbordmotore für Segelschiffe. Irgendwie kam uns die Sache bekannt vor, auch hier ist der Preis extrem von der Stückzahl abhängig, und wer verkauft mal so schnell einige Hundert Aussenbordmotoren...?
 

Not macht erfinderisch

Unsere Reise war für's TWIKE sicher eine Art Härteprobe, welche rückblickend gut gemeistert wurde. Aber ohne Pannen verliefen die 1700 km nicht. Mitten im Jura löste sich die Pneu-Gummierung vom Mantel, was zu einer tennisballgrossen "Beule" seitlich der Lauffläche führte. Es sah beängstigend aus, die hätte jeden Augenblick platzen können. So hatten wir sofort Luft abgelassen, mit einem Stück Baumrinde, einer aufgeschnittenen PET-Trinkflasche und einem Riemen einen "Druckverband" ums Hinterrad gebunden. *

Behelfsmässige Reparatur
Der "patentierte" 1. Hilfe-Pneu-Druckverband für defekte TWIKE-Räder

So ging's dann ca. 20 km bis zum nächsten Mofa-Mech. Später, nach dem vorsorglichen Wechsel des zweiten Pneus, der bereits auch schon kleinere Blasen aufwies, ging's dann über den Jaunpass. Doch die Fahrt wurde begleitet von unregelmässig auftretenden metallischen Knack- und Klappergeräuschen, welche uns den Genuss der schönen Landschaft etwas trübte. Wir dachten an lockere Motorenaufhängungen, gebrochene Stossdämpfer, defekte Getriebe oder sonstige "Katastrophen". Als dann das metallische Klappern von einem ohrenbetäubenden Pfeifen abgelöst wurde, waren wir insofern beruhigt, dass wir vermutlich nur einen Radlagerschaden hatten. Aber wie lange hält so ein Lager noch? Lässt sich damit der geplante Susten- und Oberalppass noch fahren? Wohl eher nicht.

So wurde unsere Reiseroute kurzfristig über Bern zum TWIKE-Service-Zentrum umgeleitet, wo wir bei Maya Schnyder am nächsten Mittag das reparierte Fahrzeug wieder in Empfang nehmen konnten. Der Rest der Reise verlief dann problemlos. Pneu und Radlager sind Teile, welche bei jedem Fahrzeug dann und wann kaputt gehen können. Was uns aber viel wichtiger war, ist die Tatsache, dass sämtliche TWIKE-spezifische Technik wie Computer, Ladegerät, Antrieb, Elektronik etc. die ganze Reise einwandfrei funktionierten. Die Reise hat unser Vertrauen in diese Technik voll bestätigt.
 

Das Vieh auf der Strasse

Der Umweg über Bern und der Routenwechsel führte uns aber über einen ungeahnten Höhepunkt unserer Reise: den Glaubenbergpass. Von Entlebuch führt dieser Pass über eine langgezogene Strecke immer tiefer ins Alpland, mit Kühen und Geissen auf der Strasse, wilden Bächen und zuletzt über eine Naturstrasse auf die Passhöhe von 1500 Meter über Meer. Auf der anderen Seite dann ein sensationelles Panorama und Ausblick auf den Sarnersee. Eigentlich nur schade, dass sich das Militär hier oben bereits mit einem Schiessplatz eingenistet hat. Wie schnell in solchen Gebieten das Wetter umschlagen kann, konnten wir dann hautnah erleben. Eben noch an einer Alphütte die Sonne genossen, braute sich ein rabenschwarzes Gewitter zusammen und wir traten bei wolkenbruchartigen Regenfällen die Rekuperations-Talfahrt an. Bei solchem Wetter wünscht man sich dann schon mal ein etwas besseres Innenklima im TWIKE, damit man nicht dauernd mit Handtüchern die eindringenden Regentropfen und die beschlagene Scheibe abwischen muss. Die Reise führte uns dann weiter über Brunnen (mit Fähre von Beckenried nach Gersau zu erreichen), Schwyz, Einsiedeln, Rapperswil und übers Toggenburg zurück nach Chur.

Als "Schwarzfleck-Elektro-Kuh" unterwegs erwarteten wir im Freiburgerland die meisten "Artgenossen" auf Weiden und Wiesen. Offensichtlich haben die Freiburger Bauern in den letzten Jahren jedoch auf Braun-Fleckvieh umgestellt, sodass sich die Suche nach einem geeigneten Fotopartner als recht schwierig erwies.

Auf dem Jaunpass
Die Begegnung – die echten Kühe nahmen's jedoch eher "kuhl"

Nach unseren Erfahrungen können wir TWIKE-Ferien mit Camping jedem angefressenen Twiker bestens empfehlen. Die Kombination von Fahrspass, persönlichen Begegnungen, Landschaftsnähe, guter Tagesreichweite und Ladepausen machen den besonderen Reiz dieser Fortbewegungsart aus. Am Schluss der Reise bleibt eine völlig andere Sicht der geografischen und topografischen Zusammenhänge der Schweiz in Erinnerung, und natürlich eine Reihe sensationeller Landschaftsbilder, sowie lustige Erlebnisse und Kontakte mit staunenden ZeitgenossInnen.

Also - twike mal durch die Schweiz, es lohnt sich!!!

Urs Vollmer & Inge Frewein

* Hinweis der Red.: Die auf dem Markt erhältlichen Reifen von Michelin (VM 100 etc.) sollten beim TWIKE nicht eingesetzt werden, da sich die Lauffläche von der Karkasse ablösen kann.

update: 7./16.10.2000

TWIKE KLUB WEB   –   info@dreifels.ch