TWIKE Challenge 98

 

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TWIKE Klub

Reisebericht TWIKE Challenge von Jürg Würtenberg, 28.7.98

TWIKE grüsst das Baltikum

Februar 98. Wir befinden uns im Büro des Handelskammerpräsidenten Nationalrat Loeb in Bern. - "Im Juli wollen wir eine Expedition zum Nordkapp starten", sagt der Chef. "Es wäre wünschenswert, wenn Sie uns durch Polen bis Finnland begleiten könnten. In Tallinn machen wir einen besonderen Halt." - "Sonst noch was?", frage ich. - "Ja, ich brauche noch ein Reisebüro für die Hotelreservationen." - "Wird gemacht", sage ich. "Nehmen Sie IGT, Theo Schwarz, der hat sich ja schon auf diese Region spezialisiert." Und so geschah es. Ivika von IGT wird die Gruppe als Dolmetscherin und Mädchen für alles begleiten. Sie wird fast unersetzlich.

Am 2. Juli fahre ich mit dem VW-Camper von Tallinn nach Warschau. Die Stellung in meinem Büro halten Sirli Kivisalu und Janek Rüütalu. Bruno Stüger vom Forum Ost West organisiert die Show im Olümpia, besorgt die Girls für die Miss TWIKE Wahl inklusive Tanz. Einladungen werden formuliert und verschickt an Regierung und Parlament. Es wird schrecklich viel telefoniert: TWIKE-Zentrum Bern, Botschaften, Universitäten, Grenzstationen usw. Wir motivieren den Staatschef, damit er mitspielt. Er verspricht es zu tun unter der Bedingung, dass er sein Feriendomizil nicht verlassen muss.

An der polnischen Schweizer-Botschaft stosse ich zur Gruppe. "Ein TWIKE haben wir bei einem Ausweichmanöver in Polen verloren. Die Fahrer kamen mit dem Schrecken davon", erfahre ich. Einer brachte das beschädigte Fahrzeug zurück, der andere stieg um und fährt bis Vilnius mit.

Die TWIKE-Karawane durchkreuzt zweimal Warschau, angeführt von unserem Botschafter, der abends einen Empfang in der Residenz gibt. 150 Jahre Eidgenossenschaft und der Besuch der TWIKE in Polen wollen gefeiert werden. Loeb mit seinem Team im TWIKE-Hemdchen zwischen gut gekleideten Damen und Herren. Etwa hundertfünfzig an der Zahl. Das gesamte TWIKE-Team nimmt in meinem Minicamper Platz. Der Chef sitzt am Fussboden und spielt Mundharmonika. Irgendwie haben alle den Plausch am shutteln mit dem Bus. Die gewinnen das Vehikel mit seinen Beulen richtig lieb.

François Loeb
Loeb Sound

Das TWIKE-Gepäck wird durch den ehemaligen Ostblock im Bus deponiert. Taschen, Rucksäcke, Mehrfachsteckdosen, Kabelgewirr, ein Satellitentelefon. François' Fahrzeug verliert ein Bodenblech. Jonas deponiert sein Schutzblech plus Bodenblech des TWIKE im Bus. Wir fahren voraus und suchen Steckdosen, geben Positionen durch und holen die Gruppe am Ortsschild ab. Eine Bauernfamilie kocht uns Pot-au-feu mit Sauerkraut. Die Grossmutter spricht Deutsch, erinnert sich an die deutsche Wehrmacht in Polen. Schon in Warschau begegnete uns die traurige Geschichte der Polen unter den Nazis. Es regnet, die Strassen sind aufgeweicht. Das TWIKE erbringt beachtliche Leistungen. Die Bleche werden nachts wieder angeschraubt. Radstände werden kontrolliert, kleinere Reparaturen durchgeführt.

Wir erreichen die litauische Grenze. Die beiden Deutschen in der Gruppe werden von den Grenzern nicht durchgelassen, da ihr Baltikumvisum erst ab dem 16. Juli gültig ist. Die beiden übernachten im Hausflur eines Motels. Weder Jacken noch Geld haben sie dabei. Ich fahre Sonntags 45 km zurück zur Grenze. Ich beknie den Hauptmann, der erklärt, ihn interessiere Politik nicht, er halte sich lediglich an die Vorschriften. Wenn ich ihm jemanden von der Regierung in Vilnius brächte, der ihm Order gebe, sei die Grenze für die beiden offen. Telefonate, bis wir den Chef der Visaabteilung am GSM haben. Er habe die Verhandlungen mit der Schweiz geführt, sagt er. Sobald er sich mit dem Innenministerium geeinigt habe, könnten die beiden Deutschen einreisen. Dann die erlösende Meldung. Die beiden Nachzügler holpern über die Grenzanlage. Vorab schon und jetzt Kontakt mit unserer Botschaft in Riga. Planung des Prozederes in Vilnius und Riga. In Vilnius zwar Fernsehen und Radio, doch keine besondere Offizialität. Das TWIKE Mitglied Alfred Geering, Prorektor der Berner Uni, hat Geburtstag. Wir shutteln durch Vilnius in eine "Alternativkneipe".

In Riga erwarten uns verabredungsgemäss drei Fahrzeuge, die den TWIKE-Konvoi mit dem Bus am Schluss mittels Blaulicht über Rotlicht zum Bürgermeisteramt führen. Zuvorderst sitzt der höchste Polizeioffizier der Stadt. Der Bürgermeister nimmt Platz im TWIKE. Ein Gaudi für das Volk. Die Grenze Estlands wird im Eiltempo genommen. Zwar müssen alle aussteigen, da die EU eine PC-Erfassung jedes Grenzgängers verlangt. Wie wenn das die Mafia abhalten könnte. Aber vielleicht hilft's ja. Unmittelbar hinter der Grenze Batterieladen bei einfachen Landleuten und staunen der Eltern, der Buben und der Töchter, die schon im Discoalter sind. Aus der Scheune dröhnt Discosound. Verpflegen und Ausruhen im Gras. Ausnahmsweise scheint die Sonne.

Ein besonderer Kontrast folgt: Vormittags Batterieladen bei einem Behindertenwohnheim, Nachmittags Besuch beim Staatschef.

Staatschef Meri erwartet uns im Sommerhaus sehr herzlich. Ich fahre als Beifahrer mit dem Chef vor. Herrliche zehn Kilometer durch eine Märchenlandschaft. Staatschef Meri setzt sich zu Loeb ins TWIKE. Später titelt die Tageszeitung, "Der Präsident fuhr beinahe ins Gebüsch". Im Gegenteil, er ist bester Laune, schenkt persönlich Kaffee ein. Zwei Schweizer klinken sich in die Gruppe ein. Sie wollen in Estland im Strafvollzug bei der Nachsorge helfen und den Präsidenten um Beistand bitten. Herr Meri begrüsst die Initiative. Wir und die Medien bringen einigen Wirbel in die Abgeschiedenheit des Sommerhauses des estnischen Staatsoberhauptes. François Loeb schenkt Frau Meri ein Maskottchen, einen sogenannten TWIGEL. Die ehemalige Opersängerin hängt ihn an die Brille. Dort bleibt er, bis wir abreisen.

Loeb und Meri
Der Staatschef in der Fahrschule (rechts)

Gerne würde man Komponenten für das TWIKE in Estland herstellen. Präsident Meri glaubt, selbst die Karosserie aus Kunststoff könne man in Estland fertigen, schliesslich habe man früher für die gesamte Sowjetunion die Boote für die Olympiade in Estland gegossen.

Anderntags Probefahren auf dem Tallinner Rathausplatz. Wie weisse Mäuse flitzen die TWIKE in die Gassen. Der Leiter der Verkehrszentrale erklärt: Dies seien die ersten Elektrofahrzeuge der Geschichte, die kostenlos auf den Rathausplatz fahren dürfen. Ein Happening. Dazu singt ein Chor der Tallinner Musikhochschule. Alles organisiert von der Handelskammer: Abends die Show im "Bonny and Clyde" im Olümpia. Diverse Ansprachen seitens Tallinner Technischer Uni, und der Ärztin der Kadettenschule zum Thema gesundes Strampeln. Bekanntlich kann man im TWIKE treten, um zusätzliche Energie zu erzeugen. Man muss aber nicht, man kann. Ein Fitnesstraining.

Ein Reisekonzept der Zukunft. François Loeb hat das Wesentliche der Zukunft erkannt. Er verdient als Exportförderer der Schweiz volle Anerkennung. Ein Jammer, dass das Schweizer Fernsehen sich bisher als zu gut empfand, darüber zu berichten. Dagegen im Baltikum und in Russland volles Interesse. Selbst der halbstaatliche Grosssender ORT- Russland macht eine Reportage. Vom estnischen Fernsehen begleitet uns Michael Petrov, ein TV-Moderator, der seine Kollegen in St. Petersburg kennt. Weitere Ansprachen im Olümpia, seitens Kunsthochschule und Maschinenindustrieverband. Den Höhepunkt des Abends bildet die Show einer Modellagentur. Es wird getanzt. Ein TWIKE steht auf der Bühne. Eine Miss TWIKE wird gewählt. Der Chef übergibt den Preis: Eine Reise ins TWIKE-Zentrum Deutschland.

Weiter geht's nach St. Petersburg. Auf dem Schlossplatz ist ein Lautsprecherwagen der ehemaligen Sowjetarmee aufgefahren. Es schallt Rock und Technosound über den Platz. Ein Podium mit drei Mikrofonen ist aufgestellt. Frau Lüthy vom Schweizer Zentrum begrüsst die Gruppe. Loeb hält eine Ansprache. Ein Stadtvertreter spricht. Unsere Fremdenführerin vom Vormittag übersetzt. Das Volk ist in bester Laune. Es ist warm, die Sonne scheint und die TWIKE flitzen auf dem Riesenplatz hinter der Ermitage mit Kind und Kegel zwischen rollschuhfahrendem Jungvolk herum. Polizisten und Milizien verfolgen das Geschehen amüsiert. Kameras filmen. Es klickt und klackt Fotos.

Und weiter fährt die Karawane zur Grenze hinein nach Finnland. Westliche Ordnung empfängt uns. Die Gruppe hat sich an den Begleitbus mit seinen zahlreichen guten Diensten gewöhnt. Der Chef aber ist unerbittlich. "Weiter geht's ohne Begleitung, das galt nur durch den ehemaligen Ostblock." - Ein Abschied auf dem Campingplatz in Finnland. Man schätzt sich. Winken, bis wir um die Ecke biegen. - "Dreissig Kilometer südlich vom Nordkap gibt's einen Flugplatz", höre ich noch den Chef sagen. Mal sehen, wohl kaum, dafür gibt's wohl kein Budget.

Es war ein Stress, aber ein Riesenplausch. Manchmal haben wir nur drei Stunden geschlafen, aber was solls, wenn die Stimmung stimmt, dann spielt das keine Rolle. Exportförderung System Loeb.

TWIKE in Bern darf denjenigen, die diesen Trip möglich machten, voran François Loeb, sicher nicht nur ein Kränzchen, sondern einen Kranz und viele Blumen winden.

Jürg Würtenberg, Swiss Baltic Chamber of Commerce, Tallinn

 

SWISS BALTIC CHAMBER OF COMMERCE
Kiriku 2
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update 01.04.99

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