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Reisebericht TWIKE Challenge von François LoebErste Woche: 30. Juni - 5. Juli 1998Route: Bern (CH) Konstanz (D) München Prag (CZ) Mit klopfendem Herzen, die Fahrt ins Ungewisse sollte in fünf Stunden beginnen, trafen sich am 30. Juni Piloten und Pilotinnen der TWIKE im TWIKE Zentrum Bern an der Mattenenge zu einem Arbeits-Apéro, bei dem die Arbeit der Fahrzeugkontrolle, Materialausgabe und des Briefings im Vordergrund stand. Theoretisch lernten wir die Konvoifahrweise, welche dann - es war schliesslich die Hauptprobe - bei der Dislokation kurz vor dreiundzwanzig Uhr voll daneben ging, verloren sich doch die TWIKE trotz flaustem Verkehr bereits nach der ersten Kreuzung aus den Augen und kamen zur Startaufstellung in zwei Konvois vors Bundeshaus in Bern. Dort ein Gehen und Kommen, Verwandte und Medien, Neugierige und Passanten. Sie staunen. Blicken gebannt auf die futuristischen Fahrzeuge. "10'000 km, die schaffen das nie!" lautet ein Kommentar. Auch mich beschleichen Zweifel in dieser stockdunklen Nacht. 60% Chancen gebe ich uns um Mitternacht. 90% waren es noch beim Frühstück. Was so eine Nacht alles ausmacht...! Endlich der Startschuss. Abgefeuert mit oscarerprobter Dramatik von H. R. Giger, dem Décorerschaffer des Films Aliens. Und los gehts. In Richtung Langnau. Durch die Nacht. Allein im Fahrzeug fallen mir fast die Augen zu. Gut, dass ich kräftig pedalen kann. Das regt den Kreislauf an. Und hält wach. Statt auf Parkplätzen Füsse zu vertreten! In Langnau erstes Laden der Batterien. Kabel werden vor dem Schlafengehen gelegt. Stecker gesteckt. Eine Zeremonie die wir bald täglich mehrmals wie ein traditioneller Reigen zu pflegen haben werden. Dann kurzer Schlaf. Tagwacht vor sechs. Reichliches, gastfreundliches Frühstück. Bringt uns die erste Verspätung von 30 Minuten. Bis Luzern sind es bereits 60 Minuten. Im Verkehrshaus unter einer DC3 laden wir. Bemerkung eines Museumsbesuchers: "Wann wurden denn solch verrückte Fahrzeuge gebaut?" Weiterfahrt nach Birmensdorf bei Zürich. Beim Laden brennen die Sicherungen durch. O je, eine weitere Stunde verloren. Wir fahren durch den dichten Zürcher Stadtverkehr. Nehmen eine Abkürzung, die uns einen Stau von 30 Minuten einfährt. Im Werkhof Töss in Winterthur nerven sich derweil Journalisten. "Wie kann man nur so unpünktlich sein...!" Aber eben, Expeditionen haben ihre eigenen Regeln. Minutenplanung liegt einfach nicht drin. Schon eher Halbtagesankündigungen. Zum Trost dürfen Medienschaffende selber fahren. Begeistert verlassen sie das TWIKE. Wil der nächste Halt. Die Stadt empfängt uns mit Speis und Trank. Wir erklären TWIKE und CHALLENGE. Weiterfahrt nach Konstanz. Schweiss. Die Sonne brennt. Am Zoll keine Kontrolle. Trotz Schengen. Auch hier Empfang durch die Stadt. Lokalradio und Medien bestürmen uns. Hunger meldet sich. Wir finden nach Medienprobefahrten ein türkisches Lokal. Um 20:30 fährt die Fähre nach Meersburg. Um 20:05 lässt das Essen noch immer auf sich warten. Späteste Abfahrtszeit 20:15. Fünf Minuten zum Essen doch etwas knapp. Wir lassen 3/4 stehen. Gut für die Linie. Und dann rasende Fahrt durch Konstanz. Erreichen Fähre um 20:29! Kühle Überfahrt. Die Nacht bricht herein. Eine gesperrte Strasse behindert uns. Mit letztem Tropfen Energie treffen wir um 23:30 in Ravensburg ein. Kurze Nacht. Um 07:00 Abfahrt. Isny und Kempten unsere nächsten Halte. Werden von Oberbürgermeistern begrüsst. Schulklassen bestaunen unser Gefährt und weiter geht es über Starnberg nach München, wo wir trotz dichtestem Verkehr auf die Minute um 20:00 eintreffen. Der Schweizer Verein bereitet uns eine begeisterte und beklatschte Etappenankunft. Wir bedanken uns mit Probefahrten für alle. Bayrische Brotzeit erst um 22:30. Start um 8:00 morgens. In der Nähe von Landshut in einem kleinen solarstrombegeisterten Dorf lädt uns der Bürgermeister und seine Gemahlin mit Fachhochschülern zu einem selbst gemachten Bauernbuffet. Als Beifahrer leiste ich mir im TWIKE einen Mittagsschlaf auf dem Weg nach Regensburg. Dort auf dem Marktplatz aufgestellt werden wir zur Attraktion. Die Prinzessin von Sachsen-Coburg - an einem Ärztekongress in Regensburg - wünscht eine Probefahrt. Sie ist begeistert. Mit schlottenden Knie entsteige ich dem TWIKE. Blaues Blut habe ich noch nie gefahren...! Dann Steigung um Steigung in Richtung Cham, der Schwesterstadt von Cham im Kanton Zug. Die Stadtverwaltung offeriert eine ausgedehnte Brotzeit. Leberkäs mit Ei und Pommes bringen Lebensgeister zurück. Beifahrer halten sich ans Bier. Mir reicht es nur zur Apfelschale. Dann Fahrt nach Neukirch bei Heiligenblut direkt an der tschechischen Grenze. Riesenhotel und Gastfreundschaft wie sie im Buche steht. Kurzer Schlaf nach Bierschwemme. Auf zur tschechischen Grenze! Dort keine Fragen nach Papieren. Einzig technische Auskünfte nach unserem Gefährt. Die Tschechen sind von der neuen Technologie begeistert. In jedem Dorf laufen die Menschen zusammen, Autofahrer winken, Bravorufe von Fussgängern. Auf dem Domplatz von Pilsen, angefeuert von den Passanten, vollführen wir das erste TWIKE Ballett der Weltgeschichte, fahren weiter bis nach Prag, dessen Einwohner und Touristen wir im Sturm erobern. Der Schweizer Botschafter Fetscherin erwartet uns. Medien befragen uns. Dann böhmische Küche, die wir trotz Schwere bestens verkraften. Ist ja logisch. Hunderttausend Pedaldrehungen liegen bestimmt schon hinter uns. Ausschlafen dann. Welche Wohltat nach den kurzen Nächten. Am Sonntag Parade durch Prag. Organisiert durch Blesk, dem tschechischen Ringier-Blick. Über die Burg und die Karlsbrücke in die Prager Altstadt. Bestaunt. Ich als Botschafter-Fahrer. An meinem TWIKE der Ständer mit der Schweizer Fahne. Standesgemäss und umweltschonend. Fahrzeuge für den nächsten Staatsempfang? Für Aufsehen würden sie wohl sorgen! Nach Kaffeehausbesuchen wiederum kurze Nacht und auf zur polnischen Grenze, wo wir erstmals in unseren Zelten übernachten werden! Fazit nach der ersten Woche: Wir haben eine neue Art des Reisens entdeckt! Eineinhalb Stunden fahren, eineinhalb Stunden Aufenthalt macht die Fahrt statt Stress zum echten Reisespass, bei dem man Land und Leute wie früher beim Pferdewechsel in der Postkutschenzeit wieder kennenlernt. Mehr in einer Woche! Ihr François Loeb P.S. Die Zuversicht dass wir es schaffen steigt und steigt.... drückt uns die Daumen! E-Mail von François Loeb: fl.rulo@bluewin.ch
update 05.12.98
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