TWIKE Fieber
von Ron Manganiello, USA, Mai 1999
Meine Frau Ellen und ich starteten vor vier Jahren auf die Reise zum
eigenen TWIKE. Damals zog unser Sohn weg aufs College. Wir verkauften unseren Zweitwagen,
und ich pendelte nun das Jahr über mit dem Fahrrad zur Arbeit. Der Champlain-See mildert
zwar das Klima in Burlington im Bundesstaat Vermont, aber das Quecksilber fällt im Winter
manchmal trotzdem bis auf 30 °C. Mein Arbeitsweg von drei Kilometern und die
Abstecher zu den Kunden erschienen mir an matschigen, kalten Tagen ziemlich weit. Mit
jedem Jahr näher am fünfzigsten Geburtstag verstärkten sich meine Fantasien von
wettergeschützten, pedalgetriebenen Fahrzeugen.

Burlington
TWIKE als Wortspiel
Das Internet wurde zur neuen Informationsquelle über
Muskelkraftfahrzeuge. Eines Tages suchte ich nach verkleideten Liegerädern und entdeckte
dabei das TWIKE. Der Name liess mich schmunzeln "dat cwazy wabbit widing a
TWIKE" ("diesew vewwückte Hase auf dem Dweiwad"). Offenbar spürt man
keine solchen Doppeldeutigkeiten in Europa, wo die meisten der bisher verkauften 400 TWIKE
verkehren. Der Name TWIKE wird abgeleitet von "Twin Bike" (Zwillingsfahrrad) und
genau ein solches, mit dem Aussehen eines fahrenden Flugzeug-Cockpits, erschien an der
Weltausstellung von 1986 in Vancouver.
Der 20-jährige Ralph Schnyder und ein Team von Ingenieur- und
Architekturstudenten aus Zürich schuf das erste TWIKE. Dieses elegante, geschützte
Liegerad für zwei Personen hat in den vergangenen 14 Jahren mehrere Wandlungen
durchgemacht. Im Jahr 1996 erschien das TWIKE III, das erste Modell, das man kaufen
konnte. Dieser Geniestreich kam ohne öffentliche Gelder zustande dafür aber mit
viel harter Arbeit, einer klaren Vision und einem grossen Vertrauen der Investoren und
Käufer. Zürich ist heute die globale TWIKE-Hauptstadt mit rund 100 TWIKE auf der
Strasse.

Das TWIKE 99
Das TWIKE wurde ursprünglich zu 100% mit Muskelkraft angetrieben. Heute
sind das TWIKE III und der verfeinerte Sprössling "TWIKE 99"
pedalunterstützte, ultraleichte Elektromobile. Mit einem Gesamtgewicht von 280-440 kg
benötigt das TWIKE einen vom Tretantrieb unabhängigen Hauptmotor. Die seitlich
nebeneinander sitzenden Passagiere können einzeln oder beide in die Pedale treten, sich
je nach Wunsch mehr oder weniger Training gönnen und damit die Reichweite einer
Batterieladung um bis zu 20% steigern. Die Tretleistung fliesst direkt in den
Antriebsstrang und lässt einen das Zusammenspiel von Mensch und Maschine auf eine
einzigartig befriedigende Weise erfahren.
Während auf der Scheibe ein Warmluftgebläse und der Wischer für gute
Sicht sorgen, sind im Innenraum die menschlichen Beine die einzige Heizung. Meine
Erfahrung auf dem Fahrrad im winterlichen Vermont lehrte mich, dass sogar bei 18 °C
nur die offene Haut, sowie Hände und Füsse durch den frostigen Fahrtwind so richtig
abkühlen der Rest wärmt sich schnell auf durch kräftiges Treten in die Pedale.
Im kommenden Winter erwarte ich ein recht komfortables Fahren im TWIKE, mit geschlossenem
Cabrio-Verdeck.
Technische Einzelheiten
Das TWIKE ist 1.2 Meter hoch, 1.2 Meter breit, 2.65 Meter lang und hat
drei Räder, zwei angetriebene hinten und eines vorne. Ein Aluminiumrahmen wird durch eine
zähe, leichte Kunststoffkarosserie umschlossen. Die Windschutzscheibe ist aus Plexiglas
oder Verbundsicherheitsglas. Motor, Getriebe und Batterien sind alle hinten, was ein
ausgezeichnete Fahrverhalten ergibt, wie beim alten VW Käfer.
Das Batteriesystem war solange ziemlich einzigartig, bis Toyota das
Konzept für seinen hybrid-elektrischen Personenwagen "Prius" übernahm, der ein
einziges Batteriemodul mit 240 Nickel-Metallhydrid-Zellen (Grösse C) enthält. Das TWIKE
hat entweder zwei oder drei Batteriemodule mit je 280 in Serie geschalteten
Nickel-Cadmium-Zellen. Jedes Modul wird durch einen Computer überwacht, der sorgfältig
den Ladezustand und die Temperatur verfolgt. Vollgeladen zeigt die Batterie etwa 400 Volt.
Der Wechselrichter das Gerät zur Umwandlung von Gleichspannung in Wechselspannung
treibt einen elektrischen 5 kW Drehstrommotor.
Die Motorradreifen des TWIKE sind auf Alufelgen montiert. Die
Hinterradbremsen werden hydraulisch betätigt und die Vorderbremse über einen Kabelzug.
Die Parkbremse ist über Kabel auf die Hinterräder geführt. Die elektrische
Rekuperationsbremse wird mit einem Knopf im Buchenholz-Griff am Lenkhebel bedient.
Einzigartig ist beim TWIKE, dass sowohl das elektrische Beschleunigen als auch das Bremsen
automatisch auf konstante Geschwindigkeit geregelt werden kann. Das ist sehr praktisch,
wenn man auf Berg- und Talfahrt in den Schweizer Alpen unterwegs ist! Der Tempomat lässt
das TWIKE immer gleich schnell fahren, egal wie stark Fahrer und Begleiterin gerade
treten.
Der Reiz der Testfahrt
Den zweiten Schritt zum Kauf eines TWIKE taten wir im Frühjahr 1998,
als wir 600 Kilometer weit fuhren, um das nächstliegende in die Reifen zu treten. Die
Firma T.B. Woods, Herstellerin des Umrichters von Gleich- und Wechselspannung, erwarb das
TWIKE Nr. 147, nachdem es die American Tour de Sol 1996 absolviert und den Preis für das
effizienteste Fahrzeug gewonnen hatte. Unterwegs nach Chambersburg entlang der
wunderschön geschwungenen Hügel im Westen von Pennsylvanien malten wir uns die grosse
Testfahrt aus, die uns bevorstand.
Nun, die ziemlich vorsichtigen Ingenieure von T.B. Woods schlugen vor,
dass wir unsere Fahrt auf die Fläche des Parkplatzes beschränken sollten. Dies war bei
weniger als 15 km/h trotzdem ein erfreulich reizvolles Erlebnis, reichte aber noch lange
nicht, um gleich 17-20'000 Dollars für ein eigenes TWIKE aus der Tasche zu ziehen. Der
grösste Betrag, den wir je in unseren zusammen mehr als 100 irdischen Jahren ausgegeben
hatten, waren die 4'800 Dollars für unseren Volvo Kombi Jahrgang 1984 gewesen.
Den dritten Schritt zum TWIKE nahmen wir im vergangenen Dezember in
Angriff, als wir unseren Sohn und die Leute von Electric Vehicles Northwest (EVsNW) in
Seattle besuchten. Wir wurden von Olof Sundin begrüsst (in dessen schwedischen Ohren der
Name "TWIKE" nicht komisch klingt), und von Victor Muñoz und Ray Couture. EVsNW
startete als Werkstatt, die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren auf Elektroantrieb
umrüstet. Nach einigen Jahren nahmen sie Elektrofahrräder und das TWIKE in ihr
Verkaufsprogramm auf. Durch den Bau von Elektrofahrzeugen waren sie mit der komplizierten
Materie vertraut und zeigten sich extrem beeindruckt von der Eleganz und Intelligenz des
TWIKE-Designs.
Ellen und ich unternahmen einige happige Testfahrten in der Gegend von
Seattle, durch die Innenstadt, das Universitätsviertel, auf und ab in den luftigen
Hügeln von Greenlake und im Regen (natürlich!). Nach 15 Kilometer Pedalfahrt in
regnerischem, windigen Wetter bei +4 °C hatte ich warm genug, um mich bis auf das T-Shirt
auszuziehen. Diese Erfahrung gab mir den letzten Kick zum TWIKE.
Ab in die Schweiz
Der vierte Schritt war buchstäblich eine Kehrtwendung. Anstatt 4500 km
westwärts nach Seattle zu reisen, um bei der Montage unseres TWIKE dabei zu sein, flogen
wir 5500 km ostwärts in die Schweiz. Ralph und Jane Schnyder wollten ursprünglich ein
paar TWIKE-Bausätze nach Seattle schicken. Dann wären sie ebenfalls hingeflogen, hätten
beim Zusammenbau geholfen und anschliessend mit ihrem 4-jährigen Sohn Adrian die Ferien
genossen. Ein paar Wochen vor der geplanten Reise überlegten sie sich die Sache nochmals
und entschieden sich dann, die Fahrzeuge lieber in der Schweiz zusammenzusetzen, weil da
ein Ersatzteillager vorhanden war, für den Fall defekter Komponenten.
So brachen Ellen und ich am 30. April 1999 zu unserer ersten Fahrt nach
Europa auf. Welch wundervolle Reise! Schnyders und ihre Familie hiessen uns in
Gelterkinden herzlich willkommen. Im Jahr 1976 hatten Ralphs Eltern, von Beruf
Architekten, ein riesiges, über 500 Jahre altes Bauernhaus mit Scheune erworben,
wunderschön renoviert und in drei Bereiche aufgeteilt: Wohnräume für die Familie, ein
Architekturbüro, sowie Geschäfts- und Ausstellungsräume für das TWIKE. Wir waren in
der ehemaligen Wohnung der Tochter Maya Schnyder untergebracht, die nach Bern umzog, um
dort einen TWIKE Laden zu eröffnen. Der vierte und fünfte Stock der Scheune beherbergt
Fundstücke aus der Zeit der Renovation, sowie Masken, von Ralphs Vater im Verlauf von
fünfzig Jahren geschnitzt, und alte afrikanische Holzmasken, die er sich früher gegen
Baupläne eingetauscht hatte. Hinreissend!
Während unseres Aufenthaltes in der Schweiz besuchten wir den
TWIKE-Laden in Sissach (der kürzlich das Geschäft von Gelterkinden ersetzte) und Mayas
TWIKE-Shop in Bern. Maya und ihr Gehilfe Roland setzten unser TWIKE zusammen, während wir
zuschauten und uns wo möglich nützlich machten. Während die TWIKE-Teile aus
maschineller Serienproduktion stammen, wird jedes Fahrzeug sorgfältig von Hand montiert.
Das war ein grossartiges Erlebnis, wenn man denkt, dass unser nächster TWIKE-Händler
4'500 Kilometer weit entfernt ist.
Glücklicherweise werden Ellen und ich nicht ohne fachliche
Unterstützung vor Ort auskommen müssen. In Vermont arbeiten mehrere Mechaniker mit
Elektromobilen, z.B. Steve Miracle, der die Flotte der über 20 Fahrzeuge von EVermont
wartet. Zudem arbeite ich für ein städtisches Elektrizitätswerk, das Burlington
Electric Department, wo ich vom internen Fachwissen über elektrische Systeme und
Elektronik profitieren kann. Burlington Electric unterstützt Elektromobile. Wir haben
zwei Solectria von EVermont geleast, die bei uns täglich im Einsatz und unseren Kunden
für Testfahrten zur Verfügung stehen. Wir haben auch ein Elebike, das vom Kader benutzt
wird und bei Schulanlässen in Burlington ein grosser Knüller ist.
Elektrofahrzeuge im Alltag
Die Rosine im Schweizer Kuchen war die LEVcon in Mendrisio. Rund 150
Leute aus fünfzehn Ländern nahmen an dieser Konferenz über Leicht-Elektromobile (LEV)
teil. In der Region Mendrisio, einer Stadt mit etwa 6500 Einwohnern, läuft das Schweizer
Pilotprojekt mit Leicht-Elektromobilen. Das Ziel ist ein Anteil von 8% Elektrofahrzeugen
bis zum Jahr 2001, wenn das Projekt ausläuft.
Im Moment fahren rund 100 Elektroautos und 100 elektrische Fahrräder
und Roller in Mendrisio. Innerhalb und ausserhalb der Stadt hat man ein robustes System
von Ladestationen für Elektrofahrzeuge aufgebaut. Der Kauf der Fahrzeuge wird
subventioniert, so dass deren Preis auf das Niveau der Autos mit Verbrennungsmotoren
sinkt. Beim Anblick der langen Liste der angebotenen Fahrzeuge gingen mir fast die Augen
über keines der Modelle wird in den USA angeboten. Die Fahrzeugausstellung im
Rahmen der Konferenz fand in Como jenseits der italienischen Grenze statt und bot eine
grosse Auswahl von 2-, 3- und 4-rädrigen Leicht-Elektromobilen, Transportfahrzeugen und
Kleinbussen. Ich verliess Europa mit einer stark erweiterten Sicht der Welt der
Elektrofahrzeuge.
Es war ein Vergnügen, auf der Reise nach Mendrisio ein paar
TWIKE-Designern und -Fahrern zu begegnen. Der Vertreter von Brusa erzählte mir, dass sie
DC/DC-Wandler sowohl für das TWIKE als auch für Solectria herstellen. Er schlug vor,
TWIKE solle für den US-amerikanischen Markt eine Partnerschaft mit Solectria eingehen.
Wir dinierten mit Rolf Schmidhauser, der den Umrichter entworfen hat, der bei T.B. Woods
produziert wird, sowie einen grossen Teil der übrigen Elektronik. Ich traf einen
TWIKE-Besitzer, der täglich über einen steilen Berg pendelt, bei jedem Wetter mit
Sommerreifen!
In Bern begegnete ich Martin Bolliger, einem Spezialisten für das
TWIKE-Marketing. Im vergangenen Sommer war er für die Planung der TWIKE Challenge
zuständig, einer Rundreise über die Rekorddistanz von 11'000 km, wo sechs TWIKE
ausgehend von Bern zum nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes in Skandinavien
fuhren und wieder zurück nach Bern. Das einzige Begleitfahrzeug war ein weiteres TWIKE
mit Ersatzteilen.
Wie schafft ein Elektrofahrzeug eine Reise von 11'000 Kilometern? Die
NiCd-Batterien des TWIKE reichen für rund 60 Kilometer Fahrt bis zur nächsten Ladung und
die leeren Batterien können mit 230 Volt und 16 Ampère in etwa einer Stunde wieder
aufgeladen werden. Michael Patterson aus Colorado fuhr mit auf den ersten 1500 Kilometern
der TWIKE Challenge und produzierte ein interessantes, einstündiges Video seiner Reise.
Auf dem Heimweg
Unser TWIKE (das fünfte in den USA) ist nun unterwegs nach Rotterdam,
wo es bis zum Montag, 1. Juni bleibt und dann auf ein Schiff nach Montreal umgeladen wird.
Wenn es dort am 10. Juni ankommt und den Zoll passiert hat, wird es 150 km nach Süden in
unseren kleinen Schopf reisen, den wir zu einer TWIKE-Garage umgebaut haben. Das TWIKE 507
wird gemäss einem neuen Gesetz von Vermont zugelassen, das elektrisch angetriebene
Motorräder mit Karosserie betrifft, die leichter als 750 Kilogramm sind. Dafür braucht
es weder einen Schutzhelm noch einen Motorradausweis.
Der bisherige Weg war bemerkenswert, voll von grosszügigen Menschen und
fantastischen Fahrzeugen. Das nächste Kapitel wird im Staub der Strassen von Vermont,
Quebec und dem Oberland New Yorks geschrieben werden. Ich kann es kaum erwarten, wie die
Geschichte weiterfährt.
Ron und Ellen Manganiello (TWIKE 507) leben in Burlington im
US-Bundesstaat Vermont, 80 km von der kanadischen Grenze und 400 km nördlich von New
York. Ron arbeitet als Ingenieur beim Burlington Electric Department. E-Mail: rmanganiello@burlingtonelectric.com

Originaltext in English: www.burlingtonelectric.com/specialtopics/EV/Twikeart.htm

Ron Manganiello in der TWIKE Werkstatt

Maya Schnyder startet zur Jungfernfahrt des TWIKE 507

Unterwegs im neuen TWIKE 507 in Bern