Recycling von
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren
Destillation des Cadmiums,
Verschrotten des Nickels
Autor: Lucien Trueb, NZZ
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren werden
vorwiegend für die Notstromversorgung und als wiederaufladbaren Ersatz von
Zink-Mangandioxid- und Alkali-Mangan-Batterien eingesetzt. Im Durchschnitt enthalten
solche Akkumulatoren 10 bis 15 Prozent Cadmium. Das Metall wird beim Recycling
ausgedienter Akkumulatoren bei 900 °C abdestilliert; übrig bleibt ein verkäuflicher,
stark nickelhaltiger Stahlschrott.
Gasdichte Zellen und
Industrieakkumulatoren
Die heutige Weltproduktion von Cadmium
beträgt etwa 18000 Tonnen pro Jahr, wovon über 60 Prozent zum Bau von Akkumulatoren
benötigt werden. Dieser Anteil wächst rasch, während andere Anwendungen des Cadmiums
(PVC-Stabilisatoren, Pigmente, Korrosionsschutz) wegen der Toxizität dieses
Schwermetalls langsam «aussterben». Es wird geschätzt, dass Europa pro Jahr 5000 bis
6000 Tonnen Industriebatterien und 10000 bis 12000 Tonnen Kleinbatterien des
Nickel-Cadmium-Typs verbraucht. Die Rücklaufquote der ausgedienten Batterien zwecks
Recycling liegt gesamteuropäisch bei über 40 Prozent; bei den Kleinbatterien beträgt
sie aber lediglich etwa 5 Prozent, wobei die Schweiz einer der Hauptlieferanten
ist.

Das Recycling von
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren liefert hochreines Cadmium, das vorwiegend zum Bau neuer
Akkumulatoren eingesetzt wird. (Bild SNAM)
Es gibt zwei Typen von
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren. Die kleinen, gasdichten Zellen haben häufig genau dasselbe
Aussehen und dieselben Abmessungen wie Wegwerfbatterien (Primärbatterien). Sie sind zum
Ersatz der letzteren konzipiert; Standardakkumulatoren wie auch Sondergrössen dienen
unter anderem zur Versorgung von Laptop-Computern, Videorecordern, tragbaren Telefonen,
Taschenlampen, Spielzeug usw. Im geladenen Zustand besteht die aktive Masse der
positiven Elektrode aus cobaltdotiertem Nickel-Oxyhydroxid (NiOOH); sie ist üblicherweise
in einem Träger aus gesintertem Nickelpulver, Nickelfilz oder Nickelschaum untergebracht.
Die negative Elektrode besteht im
entladenen Zustand aus Cadmiumhydroxid. Letzteres ist in einem Gerüst aus Nickel
untergebracht, oder dann wird es durch ein organisches Bindemittel zusammengehalten. Beim
Laden entsteht schwammartiges Cadmium. Zwischen den beiden Elektroden wird als Separator
und Elektrolytträger ein saugfähiges Kunststoffvlies aus Polyamid- oder
Polypropylenfasern angeordnet. Die drei Folien werden zu einem Zylinder
aufgerollt und in einem Gehäuse aus Stahl untergebracht. Der Elektrolyt besteht aus
10prozentiger Kalilauge.
Energiespeichernde Black box
Die grossen, industriellen
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren dienen vorwiegend zur Notstromversorgung. Sie
bestehen aus parallel angeordneten, plattenförmigen Stahlgittertaschen, die abwechselnd
die aus Eisen/Cadmium beziehungsweise Nickelhydroxid bestehende aktive Masse enthalten.
Sie sind meistens in einem rechteckigen, abgedichteten Kasten aus Stahl oder Kunststoff
untergebracht. Solche Akkumulatoren werden u.a. in Frankreich im Eisenbahnbereich für den
Betrieb von Signalen sowie für Beleuchtung, Türenantrieb und Klimatisierung der Züge
benutzt. Sie werden entweder vom Bordgenerator nachgeladen, wenn sich der Zug bewegt, oder
von der Lokomotive aus. Weit verbreitet sind solche Batterien auch zum Starten von
Dieselmotoren, Gasturbinen und Flugzeugtriebwerken. Eine weitere Anwendung ist der Antrieb
von Elektro-Gabelstaplern.
Die drei- bis viermal billigeren
Bleiakkumulatoren eignen sich für die obigen Anwendungen ebenfalls, doch sind
Nickel-Cadmium-Akkumulatoren robuster, können, ohne Schaden zu nehmen, vollständig
entladen werden und funktionieren bei sehr niedrigen Temperaturen etwas besser. Zudem ist
ihre Lebensdauer zwei- bis dreimal höher als diejenige eines Bleiakkumulators. Es ist
nicht weiter erstaunlich, dass Automobile der Marke Rolls-Royce mit einer
Nickel-Cadmium-Starterbatterie ausgerüstet sind.
Den Nickel-Cadmium-Akkumulator kann man
als Black box betrachten, die bei minimaler Wartung unter allen denkbaren Bedingungen
elektrische Energie liefert. Darum findet man ihn vorzugsweise dort, wo eine sehr hohe
Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit gefordert werden. Zu den grössten Abnehmern gehören
denn auch Kernkraftwerke und Off-shore-Plattformen. Die in mancher
Beziehung überlegene Nickel-Metallhydrid-Batterie dürfte längerfristig den
Nickel-Cadmium-Typ bei zahlreichen Anwendungen ablösen. Wenn aber hohe Ströme,
d.h. sehr rasche Entladung gefordert werden, wie dies zum Beispiel bei «schnurlosen»
Werkzeugen der Fall ist, eignet sich der Nickel-Cadmium-Akkumulator besser.
Recycling in Schweden und
Frankreich
Industrielle Nickel-Cadmium-Akkumulatoren
gibt es seit Beginn des Jahrhunderts. Wenn sie ausgedient sind, werden die darin
enthaltenen Wertstoffe Nickel, Eisen und Cadmium seit je zurückgewonnen. Dieser
Geschäftsbereich ist stationär bis rückläufig, während bei den kleinen, gasdichten
Zellen seit den achtziger Jahren eine extrem hohe Wachstumsrate von 15 bis 20 Prozent pro
Jahr zu verzeichnen ist. Dies zwang die beiden europäischen Nickel-Cadmium-Recycler
«Nife» in Schweden und die französische «SNAM» (Société Nouvelle d'Affinage
des Métaux) zur Einführung neuer Technologien und zur Expansion ihrer Kapazität.
Die SNAM wurde 1977 zum Recycling von
Cadmium und Quecksilber aus Batterien und industriellen Abfällen gegründet. Die beiden
Schwermetalle wurden zuerst in Lyon, nach 1981 in St-Quentin-Fallavier 30 km östlich von
Lyon zurückgewonnen. 1984 übernahm die deutsche F.-W.-Hempel-Gruppe das
Unternehmen. In der Folge wurde das Recycling von Quecksilber aufgegeben; die SNAM befasst
sich heute ausschliesslich mit dem Recycling von Nickel und Cadmium aus Akkumulatoren,
Fabrikationsabfällen und Ausschussware der Produzenten.
Die Entwicklung des Unternehmens wurde von
den Schwankungen des Cadmiumpreises stark beeinflusst. Als er zwischen 1986 und
1987 von 1 Dollar pro Pfund auf fast das Zehnfache stieg, konnte mit Cadmiumabfällen viel
Geld verdient werden. Die SNAM erhielt deshalb immer mehr Altbatterien zum
Wiederaufbereiten. Weil die Anlage bei Lyon bereits voll ausgelastet war, musste ein
zweites Werk errichtet werden. Als Standort wurde Viviers bei Decazeville im
Aveyron gewählt, 120 km nordöstlich von Toulouse. Doch nach dem rein spekulativ
bedingten Höhenflug des Cadmiumpreises sank dieser bis auf 0,35 Dollar pro Pfund; er hat
sich seither wieder auf etwa 2 Dollar stabilisiert.

Vier der Cadmium-Destillationsöfen bei SNAM in Viviers. Im Vordergrund die Glocke;
bei den Öfen im Hintergrund ist der Heizmantel übergestülpt. (Bild SNAM)
Neue Industrien im Aveyron
Im Umkreis von Decazeville stand Mitte des
19. Jahrhunderts die Wiege der französischen Eisen- und Stahlindustrie sowie der Zink-
und Bleiverhüttung. Beide Industrien mussten mangels Rentabilität aufgegeben werden, nur
ein Kohlebergwerk ist dort heute noch in Betrieb. Zur Schaffung neuer Arbeitsplätze wurde
die Errichtung des neuen SNAM-Werks von der EG zu 40 Prozent subventioniert. Der Betrieb
wurde 1988 aufgenommen, wobei die ursprüngliche Kapazität von 1000 Tonnen bald bis auf
3500 Tonnen pro Jahr erhöht werden musste.
Bei den heutigen Metallpreisen kann die
SNAM nur gewinnbringend arbeiten, wenn sie ihren Lieferanten eine Entsorgungsgebühr
verrechnet. Je nach Batterietyp und Metallpreisen reicht sie von null bis fFr. 5.50 pro
Kilogramm. Damit fiel die Motivation zum Einsammeln von Nickel-Cadmium-Akkumulatoren fast
überall auf den Nullpunkt, weil man ja nunmehr für Altbatterien kein Geld mehr bekommt.
Um das Material loszuwerden, muss in den meisten Fällen sogar bezahlt werden. In
Anbetracht des hohen heutigen Nickelpreises werden grosse Mengen von Akkumulatoren nur
wegen ihres Nickelgehalts «ausgeschlachtet», das Cadmium wird in der Erwartung
besserer Preise gehortet.
Heute verarbeitet die SNAM grosse Mengen
der in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz auf Grund umweltpolitischen Drucks
eingesammelten Akkumulatoren. Es wird auch mit den Batteriefabrikanten zusammengearbeitet,
die Industrieakkumulatoren am Ende ihrer Lebensdauer routinemässig zurücknehmen und dem
Recycling zuführen. Die beiden Schweizer Recycler von Haushaltbatterien Batrec
in Wimmis und Recymet in Aclens, können durch magnetisches Aussortieren etwa die
Hälfte der in ihrem Rohmaterial enthaltenen Nickel-Cadmium-Zellen aussortieren; insgesamt
sind es etwa 100 Tonnen pro Jahr. Dieses Material wird der SNAM geliefert. In Deutschland
werden Altbatterien freiwillig eingesammelt: aus dieser Quelle kommen weitere 300 Tonnen
Altbatterien pro Jahr.
Vorkonditionierung durch Pyrolyse
Die Aktivitäten der SNAM sind heute im
Werk Viviers konzentriert, das 9 Tonnen Akkumulatoren und Abfälle pro Tag verarbeiten
kann. Das Werk bei Lyon dient zur Zwischenlagerung und Sortierung von Altbatterien,
Ausschussware und Fabrikationsabfällen sowie zur Vorbehandlung von Batterie-Packs.
Letztere werden in einem ersten Prozessschritt in einer Hammermühle so
behandelt, dass die Kunststoffumhüllung aufbricht, ohne dass die Zellen selbst
beschädigt werden. Nach Durchlaufen einer magnetischen Trennstufe erhält man
cadmiumfreien, sauberen Kunststoff, der vorderhand noch deponiert wir: die thermische
Verwertung wird vorbereitet. Die Akkumulatoren sind nach dieser Vorbehandlung etwas
«mitgenommen», bleiben aber dicht.
Anschliessend werden jeweils 4 Tonnen
Batterien pro Batch bei 350 °C während 14 Stunden in einem gasbeheizten Ofen ohne
Luftzufuhr pyrolysiert, wobei sich verbleibende Teile der Kunststoffhülle und die
Dichtungen zu Kohlenwasserstoffen zersetzen. Der Kunststoffseparator zwischen den
Elektroden andererseits verkohlt bei der Pyrolyse. Die brennbaren Gase werden bei
850 °C mit Luft verbrannt. Die Abgase werden nach zweistufigem Filtrieren durch Tuch- und
Aktivkohlefilter unter täglich mehrmaliger Kontrolle des Schwermetallgehalts in die
Atmosphäre abgelassen. Der firmenintern festgelegte Grenzwert beträgt 30 Mikrogramm
Cadmium pro Kubikmeter Luft, weit unterhalb der EG-Normen von 50 Mikrogramm pro
Kubikmeter.
Mit Dioxinen gibt es auch keine
Probleme, denn die Pyrolyse erfolgt unter Luftausschluss bei stark alkalischen
Bedingungen. Zudem enthält die Charge der Pyrolyseöfen kaum PVC, denn die Kunststoffe
werden grösstenteils bei der magnetischen Sortierung nach Durchlaufen der Hammermühle
entfernt. Aus dem restlichen PVC entsteht zwar bei der Pyrolyse etwas Chlorwasserstoff,
doch wird er sofort von der hochgradig alkalischen Batteriemasse absorbiert; er kann nur
ganz marginal zur Bildung von Dioxin beitragen.
Destillation des Cadmiums
Die vorbehandelten Batterien wie auch
Fabrikationsabfälle und Ausschussware werden auf dem Strassenweg nach Viviers gebracht.
Weitere, dort wiederaufbereitete Materialien sind die bei der Fabrikation von
Akkumulatoren anfallenden, cadmiumhaltigen Filterkuchen und Stäube.
Direkt von europäischen Eisenbahngesellschaften sowie Spitälern, Supermärkten und
Industrieunternehmen werden ausgediente, grosse Nickel-Cadmium-Akkumulatoren angeliefert,
meist auf Paletten oder in Boxen. Sie werden aufgesägt und manuell demontiert, um die
nickel- und cadmiumhaltigen Elektroden gleich voneinander zu trennen und den Kunststoff zu
entfernen.
Alle cadmiumhaltigen Komponenten werden
durch Pressen weiter kompaktiert und in runde Metallkörbe geladen, von denen mehrere
übereinander gestapelt werden könnten. Sie kommen in einen zylinderförmigen
Destillationsofen von 1,6 m Durchmesser und 2,3 m Höhe mit einem nutzbaren Volumen von
600 Litern; die Charge kann je nach Abfalltyp 400 bis 1200 kg betragen. Je nach
Batterietyp wird mehr oder weniger Holzkohle zugegeben, sie ergänzt den durch
Pyrolyse des Kunststoffseparators entstandenen Kohlenstoff sowie das ohnehin vorhandene
Eisen, die beide zur Reduktion von Cadmiumoxid zu metallischem Cadmium dienen. Um den
Prozess optimal zu fahren, wird jede Ofencharge aus einem einheitlichen Typ von Batterien
zusammengestellt. Auf diese Weise ist der Recyclingprozess bis zum Ende vollständig
dokumentiert.
Die Destillationsöfen bestehen aus einer
unten mit einer Öffnung versehenen Grundplatte, in welche wasserdurchflossene
Kühlelemente integriert sind. Darauf stapelt man die Körbe mit der Charge und stülpt
eine Stahlglocke darüber; zur Abdichtung dient Keramikpulver. Dann wird ein mit
Heizdrähten versehener, zylindrischer Heizmantel über die Glocke abgesenkt. Das
Hochfahren des Stroms erfolgt nach einem der jeweiligen Charge angepassten Programm.
Cadmium siedet bei 767 °C; die Öfen werden langsam bis auf 900 °C erhitzt. Zuerst
werden restliches Wasser und das bei der Zersetzung von Kunststoff entstehende Öl
abgegeben und auskondensiert. Nach und nach werden Cadmium- und Nickeloxide zur
metallischen Form reduziert, wobei das Cadmium verdampft, im Kühler kondensiert und aus
dem Ofen in eine zylindrische Form abtropft.

Das aus dem Destillationsofen heraustropfende Cadmium bildet manchmal abenteuerlich
anmutende Strukturen, die etwa 1 m hoch sein können. (Bild Trueb)
Sekundärcadmium
Die Destillation dauert 24 Stunden, dann
lässt man die Charge während 8 Stunden abkühlen. Im Ofen verbleibt ein nickelhaltiger
Schrott, der noch 0,1 bis 0,5 Prozent Cadmium enthält. Er wird von den Edelstahlwerken
gerne aufgekauft und dient zur analytischen Justierung ihrer Schmelzchargen. Die
Menge des Batterieschrotts ist so gering, dass sich das Restcadmium im Edelstahl bis auf
einige ppm verdünnt. Diese Konzentration ist bei vielen Legierungsrezepturen
ausdrücklich erwünscht.
Das rohe, aus dem Ofen tropfende Cadmium
weist bestenfalls eine Reinheit von 99,95 Prozent auf. Es wird durch eine zweite
Destillation auf einen Verunreinigungsgehalt von 30 bis 50 ppm gebracht und in die
üblichen Handelsformen vergossen. Es handelt sich vorwiegend um 200 g wiegende Stäbe von
etwa 20 cm Länge und 12 mm Durchmesser sowie Kugeln von 45 oder 50 mm Durchmesser. Das
Material kann von «neuem», von den Zinkhütten geliefertem Cadmium analytisch nicht
unterschieden werden; es wird vorwiegend zum Bau von Akkumulatoren verwendet.
Für spezialisierte Anwendungen,
insbesondere für den elektrolytischen Korrosionsschutz im Flugzeug- und
Helikopterbau, werden entweder Kugeln, dünne Stäbe oder Sonderformen gegossen. Sie
dienen als Anoden und gewährleisten bei kompliziert geformten Werkstücken einen
homogenen Belag. Das Cadmiumplattieren von Stahl ist zwar generell verboten, es erwies
sich aber in der Luftfahrt als nichtsubstituierbar.
Der Autor dankt Jacques David und Patrick
Archier (SNAM, F-Saint-Quentin-Fallavier und Viviez) für ihre Mitarbeit bei der
Vorbereitung dieses Artikels.