See
und Sonne
Bevor wir uns im kühlen Neuenburgersee erfrischen konnten, lud uns die
Firma MW-Line ein, während der Ladezeit ihre Fabrikation von Solarbooten anzuschauen. Das
SSES-Solarschiff und der Brennstoffzellen-Prototyp des Tech Biel waren Anfang Juni noch im
Bau, schwimmen aber mittlerweile im Wasser und in den Tageszeitungen! Wie hier war das
TWIKE meistens viel schneller vollgetankt, als es uns hätte langweilig werden können.
Nach einer romantischen Nacht im Stroh bei Gimel erreichten wir am Montag morgen Genf. Das
System mit dem Data-Key an den Parkhaussteckdosen erwies sich als geradezu
touristenfeindlich und kompliziert Wir mussten für 10 Franken Strom kaufen, obwohl
wir für ganze 49 Rappen getankt haben und vielleicht nie mehr nach Genf kommen mit dem
TWIKE. Wir hoffen, das System wird bald durch das unkompliziertere und internationale
Park&Charge ersetzt.
Nach dreissig Kilometern französischer Strasse holte sich unser TWIKE
seinen ersten und hoffentlich einzigen Plattfuss. Dank dem Leichtgewicht war kein
Wagenheber nötig, um den Ersatzschlauch aufzuziehen. Ein freundlicher Herr schloss uns
den Werkhof des Strassenunterhaltsdienstes auf, wo wir mit Pressluft pumpen konnten. Den
untauglichen Reparaturspray haben wir bald durch eine Pumpe ersetzt...
Im Rücken weht der Mistral
Der weitere Weg, der sich jeweils erst während des jeweiligen Tages
genauer abzeichnete, führte uns am Lac de Bourget entlang nach Aix les Bains, und weiter
zur Papiermühle "le Moulin de la Tourne". Nach deren Besichtigung stiegen wir
in das Chartreuse-Massiv ein, wo wir gleich zwei Pässe mit einer Ladung hinter uns
brachten Rekuperation sei Dank. Vom Übernachtungsort in St. Pierre de la
Chartreuse kamen wir über den Col de Porte nach Grenoble hinunter. Das geniale war, dass
dank dem höhenmässig nur halb so weiten Aufstieg auf 1326 m Passhöhe die Batterien
in Grenoble wieder randvoll waren und dies nach 35 km traumhafter Fahrt!
Im Vercors legten wir einen Wandertag ein, welcher uns mitten in den
Bergfrühling auf den unberührten Hochplateaus brachte.

Der eindrückliche, beinahe unbesteigbare Mont Aiguille im Vercors
Anderntags pedalten wir über den Col de la Croix Haute in die
sommerlich heisse Provence hinunter den erfrischenden Mistral im Rücken und ein
sanftes lang anhaltendes Gefälle bescherte uns bei flottem Tempo eine rekordverdächtige
Etappe bis gegen Sisteron.

Eindrückliche Felsformation; Ausblick von der Zitadelle von Sisteron
Saubere Sache
Nach einem Tag mit lokalen Unternehmungen führte uns die Reise zur
Seifenfabrik Loccitane und nach Esparron du Verdon zu den Schluchten und zum Stausee
auf dem ganzen See dürfen nur Muskelkraft-, Wind- oder elektrisch getriebene Boote
verkehren und tun dies auch, geräuschlos und sauber und mit bis zu 30
Sitzplätzen!

Kein Lärm, sauberes Wasser, saubere Luft und trotzdem das volle
Wassersportangebot!
Hierhin kam ich auch noch einmal per Autostopp zurück, weil ich die
Kabelrolle und den Adapter für den Schweizer Stecker liegen liess... Und plötzlich ist
man froh, wenn die Reichweite nicht zu gross ist!

Le Moulin de Daudet des Schriftstellers langjährige Behausung

Die Kirche in Grambois (Luberon) mit der für die Provence typischen,
luftigen Kirchturmspitze
Später gings in den Luberon, einem weiteren Nationalpark und in die
Camargue zum Segeln, Reiten, Tierli beobachten (Biberratte, Flamingos, Füchse, Kaninchen,
Fischreiher, Kranich, Strandläufer und weitere tausend Vogelarten), Baden, Lesen und viel
Schlafen. Bitte Mückenspray nicht vergessen!

Bei den Flamingos...

...darf aus der Reihe getanzt werden!
Le pont d'Avignon
Den Abschluss bildete der Besuch der historischen Städte Arles und
Avignon. Letztere ist nach 2 Wochen Natur pur und Einsamkeit geradezu ein Kulturschock...

Sur le pont d'Avignon... oder wenigstens fast
In Avignon wurde unser TWIKE zusammen mit Autos auf den von Narbonne
kommenden Autotrain verladen, währenddem wir in der Stadt ein edles Nachtessen einnahmen.
Im Schlafwagen reisten wir schnell nach Mulhouse zurück, von wo wir den Rest nach
Winterthur unter die Räder nahmen.
Wie Gott in Frankreich...
...übernachteten wir in den "Chambres d'hôtes" und
"Gîtes d'Etape". Meistens etwas ausserhalb von Ortschaften in malerischer Lage
stösst frau auf Landschlösschen und Gutshäuser mit dem einladenden gelb-grünen
Täfelchen. Zum Beispiel in Cruis, wo am Montagne de Lure, mit 100 Kilometer Fernsicht und
inmitten von Thymian und Lavendelfeldern das Farmhaus "Grandchamp" steht. Es
bietet seinen Gästen Erfrischung im Swimmingpool, Entspannung auf der schattigen Terrasse
mit einem Büsi auf dem Schoss, schwere Bäuche mit selbstgepflückten Kirschen und
interssante Gespräche und Hilfe zur weiteren Routenplanung von und mit dem Hausherrn.
Morgens erkundigte sich Phillippe am Pool, ob das Frühstück in einer Viertelstunde recht
sei und fand dann Zeit, um sich zu uns zu setzen und ein wenig über die weiteren Vorhaben
zu plaudern. So kamen wir auch zu einem lehrreichen Abend im Observatorium auf dem Lure,
wo sich der regionale Sternguckerverein regelmässig trifft.
Solche Stätten der Ruhe kosten jeweils ca. 50 bis 80 Franken pro
Doppelzimmer inkl. Frühstück und Strom. Vive la France!

Das Gästehaus der Biofarm bei Chichilianne im Vercors
Tip für die Camargue: Wer zur Vogelzugszeit (April, Mai oder Oktober)
auf einer Farm im Naturschutzgebiet übernachten will, muss dringend reservieren
sämtliche Ornithologen Europas ziehen dann auch in den Süden...
Interessant für Twiker: Obwohl nicht in jedem Dorf "Chambres
d'hôtes" zu finden sind, reichte die Akkuladung immer bis zu so einem gelb-grünen
Schild, manchmal knapp, manchmal mit ein paar "Stromchäferli" übrig.
Begegnungen mit dem TWIKE
In Frankreich wurde uns oft der Vortritt gewährt um mehr Zeit zum
Staunen zu haben. Baustellenarbeiter steckten die Schaufel ein, um uns zu winken
und Überholer nahmen sich Zeit um rüberzugrinsen und den nach oben zeigenden Daumen zum
Fenster hinaus zu halten. Im Gegensatz zur eher skeptischen Haltung der Schweizer kam
jeweils schon nach kurzer Erläuterung des TWIKE eine Diskussion unter den Interessenten
in Gang aus denen ich folgende Fetzen wiedergeben kann: "Pourquoi pas?!"
"C'est geniale ça, quoi!" "Quand même si vite et ça
ne coûte pas plus chère qu'une voiture!"... Vor allem letzterer Satz erstaunte mich
immer wieder.
Ein alter Ziegenhirt fragte uns, wo wir die Flügel hätten das
sei doch ein Flugzeug!

Und natürlich war auch hier das TWIKE der Liebling aller Kinder
Strombezug
Ja, kommen Sie nur! Bezahlen? Nein! Es wird schon nicht 10'000
Francs kosten... Die Steckdose da hinten gibt 16 A, jene dort 28! Viele Leute waren
sehr gut informiert über ihre elektrischen Installationen und das Netz war tadellos.
Stichprobenweise gemessene Spannungen zeigten keinerlei hochohmige Nullleiter oder
fehlende Erdung, wie von verschiedener Seite prophezeit. Durch die gute Information und
die hohe Absicherung verbrannten wir keine einzige Sicherung.
In Esparron sur Verdon und Les Saintes Maries de la Mer (Camargue)
finden sich zudem im Hafen Dutzende CEE-16A-Steckdosen für die Boote genug für
den ganzen ECS... Die 12 neuen LEMnet-Einträge sind auf dem Internet abrufbar. Wenn Sie
zu Hause genügend Solarstrom eingespiesen haben, können Sie in Frankreich mit ruhigem
Gewissen Ihren Solarstrom wieder herausziehen...
Energieverbrauch
Wir legten mit rund 200 Kilo Zuladung über 6 Pässe hinweg 1850
Kilometer zurück und verfuhren dabei netto 72 kWh. Hinzu kommen noch die Ladeverluste,
weitere 20 kWh. Dies entspricht insgesamt dem Jahresverbrauch einer Standbyschaltung eines
Fernsehers oder 9 Litern Benzin. Mit einem Auto wären wir damit nur bis Olten oder
Solothurn gekommen!
Die Strassen
Der Verkehr rollt in Frankreich grundsätzlich entspannter und weniger
aggressiv als hierzulande, was keine Aussage über die Geschwindigkeit macht. Das
befahrene Gebiet ist verglichen mit der Schweiz sehr dünn besiedelt. Werden hier die auf
der Karte gelb oder gar weiss markierten Strassen gewählt, kann die Reise in aller Ruhe
genossen werden.
Manchmal kam uns während einer Viertelstunde überhaupt kein Fahrzeug
entgegen. Die Strassen, welche zusätzlich grün markiert sind, sind solche in besonders
malerischer Landschaft, mit einem reichhaltigen Angebot an Sehenswürdigkeiten oder einem
speziellen Angebot an kulinarischen Freuden. Diese Wege tragen dann klingende Namen wie
"Route des Vins et Fruits" oder "Route des Chateaux".
Im der Provence schwebt man im Juni bis August in einem Duft von den
Lavendel- und Thymianfeldern "Route du Thym et de la Lavande"?

Narzistische Spielereien an salzhaltigen Tümpel in der Camargue...
Für Leichtelektromobilfahrer ist zu erwähnen, dass der auf
Nebenstrassen meist sehr rauhe Belag ein wahrer Pneufresser ist also nicht schon
mit beinahe abgefahrenem Profil starten...

Die Schönheit und die Kunst des Leichtbaus der Natur bleiben aber
unübertreffbar
Tipps zum Autotrain
Der Autozug ist unbedingt empfehlenswert. AUTOtrain/SNCF bieten 45
Verbindungen in ganz Europa an (Info). Fahrzeuge
unter 400 Kilo müssen festgezurrt werden. Um die Logistik von Zügen, welche mehrere
Einsteige- und Zielorte haben, zu vereinfachen, verlädt Autotrain S.A. selber. Im Falle
des TWIKE hiess dies eine kleine Probefahrt, welche mit Stolz und Freude absolviert wurde.
Nach den Formalitäten bringt ein Bus die nicht mehr automobilen Gäste in die Innenstadt
oder auf den Bahnhof. In Mulhouse wird der Reisende von einer Dame ins Buffet geführt, wo
zum Frühstück gedeckt ist. Die Rangierarbeit und das Entladen wird in der Zwischenzeit
diskret erledigt...
Auch hier müssen die Twiker halt selber schnell Hand anlegen. Die Fahrt
kostete übrigens für zwei Personen im Liegewagen und einem TWIKE (= Motorrad mit
Beiwagen) inkl. Versicherung und Frühstück 256 Franken.

...komfortables, schnelles Reisen für alle mit dem Autozug
(Avignon-Mulhouse in 5h 40 min!)
Kathrin Isler und Martin Schmid (kathrinymartin@dplanet.ch) sind
Gründungsmitglieder des TWIKE KLUB SCHWEIZ. Ihr TWIKE, Nr. 034 der Produktion, hatte zum
Zeitpunkt der Reise 44'000 km auf dem Tacho und fährt noch immer mit dem ersten Satz
Batterien.
